SOS Kinderdorf Bolivien – mehr als nur eine Organisation

3. Juli 2007

Das letzte von uns besuchte SOS Kinderdorf war in Panama. Fuer uns also Grund genug, die Organisation wieder mal zu besuchen und von unseren Eindruecken zu berichten. Hier in Bolivien gibt es 10 SOS-Kinderdoerfer, 2 davon besuchen wir: Oruro und Sucre. Der Aufbau der Doerfer ist ueberall sehr aehnlich: Bis zu 10 Kindern leben in einer „Familie“, ein Dorf hat zwischen 8-14 Familien bzw. Haeuser. In beiden Doerfern werden jedoch neue Haeuser gebaut, um der grossen Nachfrage ein wenig besser gerecht zu werden. Das soziale Netz in Bolivien ist sehr duenn und so sind Waisenkinder oder Kinder aus schwierigen familiaeren Verhaeltnissen auf Organisationen wie SOS angewiesen. Die Betreuung durch SOS hoert erst nach der Ausbildung auf und viele „ehemalige“ Kinder halten nach wie vor Kontakt. So werden die Kinder nach und nach in die Selbstaendigkeit begleitet. Die Direktoren der beiden besuchten Doerfer Seniora Elvi (Sucre) und Senior Luis (Oruro) erzaehlen uns stolz die Erfolgsgeschichten einiger ehemaliger Bewohner.

Auch hier haben viele Engagierte aus Europa und den USA Patenschaften fuer Kinder uebernommen und zahlen monatlich ca. 30 Euro fuer ihr Patenkind. Neben dem Geld ist jedoch fuer die Kinder besonders die ideelle Unterstuetzung wichtig. In jeder Familie bekommen wir schnell stolz die Postkarten, Briefe und Bilder der Paten gezeigt. Fuer die Kinder eine Wertschaetzung der besonderen Art, haben sie doch ausser ihrer Familie im SOS Dorf keine „Verwandschaften“ oder Unterstuetzer.

In Sucre besuchen wir auch unser Patenkind Francisca. Seit unserem Urlaub in Bolivien 2002 unterstuetzen wir sie, doch die persoenliche Begegnung ist auch fuer uns ein ganz besonderer, ein aufregender Moment. Seit frueher Kindheit leidet Francisca an den Folgen einer Hirnhautentzuendung. Im SOS-Kinderdorf erfaehrt Francisca besondere Unterstuetzung durch ihre SOS-Mutter. Einen halben Tag bleiben wir bei ihr und ihrer Familie und nehmen ein wenig am taeglichen Leben bei SOS teil.

Besonders beeindruckt sind wir davon, wie tief verwurzelt SOS in Bolivien ist. Mehr als 12.000 Kinder werden in Bolivien durch SOS betreut, viele davon in den Kinderdoerfern, aber auch ein Grossteil in anderen sozialen Einrichtungen quer durch das ganze Land. Obwohl Bolivien das bisher aermste Land unserer Reise ist, ist die ideelle und finanzielle Unterstuetzung gross. Mehr als 11.000 Bolivianer helfen SOS finanziell und ideel. In Oruro z.B. laedt die Besitzerin des besten Restaurants der Stadt jeden Monat eine Familie zum Essen ein oder gibt Kochkurse. Die Organisation ist ueberall gut bekannt.

SOS nutzt unseren Besuch, um auch in Bolivien einmal mehr auf sich aufmerksam zu machen. Wir werden gefragt, ob wir fuer einen Pressetermin zur Verfuegung stehen. In Erwartung eines Zeitungsjournalisten sagen wir zu. Am Ende kommt das nationale bolivianische Fernsehen und eine Radiostation und wir stottern uns mit unserem Basis-Spanisch einen ab.

Mit einem guten Eindruck fahren wir einige Tage spaeter wieder Richtung Uyuni. Wir empfinden SOS als eine sehr engagierte, in den Laendern tief verwurzelte Organisation mit breitem Rueckhalt in der Bevoelkerung und sehr engagierten Mitarbeitern.

Peru – die Kuestenwueste, Teil II

4. Juni 2007

Die Hoehe der Anden hat vor allem Joerg ziemlich zu schaffen gemacht. Fieber und starke Kopfschmerzen zwingen ihn ins Bett unseres Hotels von Huarez. Vielleicht waere ein Tag Akklimation in der Hoehe doch besser gewesen. Anstelle dessen sind wir gleich am ersten Tag mit den Raedern durch die wunderschoene Hochgebirgslandschaft gefahren, vorbei an 50 schneebedeckten Bergen ueber 5.000 Meter, allerdings auch vorbei an einer tragischen Stelle: 1970 forderte ein Erdbeben und eine Schlammlawine in dem Tal ueber 80.000 Menschenleben.

Im oberen Teil des Rio Santa-Tals fahren wir durch ein Alpen-aehnliches Tal. Doch je weiter wir nach unten kommen, desto enger wird das Tal. Am Ende durchfahren wir die Entenschlucht und passieren auf einer Schotterstrasse 38 teils stockdunkle Tunnel. Jedes Auto wirbelt soviel Staub auf, dass wir uns gut vorstellen koennen, wie sich ein paniertes Schnitzel fuehlen muss…

Zurueck zur Kueste wollen wir mit dem Bus fahren, da die Hoehenprobleme nicht besser werden. Allerdings haben wir die Rechung ohne den Busfahrer gemacht. Von Huaraz auf 3.000 Meter geht es zum Pass auf 4.100 Meter und von dort runter zur Kueste – oder weiter ins andine Hochland. Entgegen unserer Hoffnung faehrt der Bus nicht zur Kueste runter und so bleibt uns nichts anderes uebrig, als mit leichtem Fieber aufs Rad zu steigen. Doch die Strecke macht es uns einfach. In 70 Kilometer faellt die Strecke auf Meereshoehe ab. Mit jedem Meter kommen wir in dickere Luft und die Hoehenprobleme verschwinden mit jedem Kilometer mehr.

An der Kueste dann wieder vertrautes Terrain: Kuestenwueste. Kilometerfressen ist angesagt und so fahren wir in 10 Tagen ohne Pause knapp 850 Kilometer. Unterwegs lernen wir die Vielfalt peruanischer Fahrzeug-Hupen kennen. Peruaner hupen alles an, was aussergewoehnlicher als ein Stein oder ein Grasbueschel ist. Radfahrer stehen auf der „Anhup-Liste“ wohl ganz oben. Manche fangen schon an zu hupen, wenn sie uns gerade so erkennen koennen und hoeren erst auf, wenn sie hinter der naechsten Kurve verschwunden sind. Sorge macht uns die Durchfahrt von Lima. Die ersten Kilometer in diesem 10-Millionen-Einwohner-3.-Welt-Moloch scheinen alle Befuerchtungen zu bestaetigen: stinkender Muell, verwesende Tiere am Strassenrand, Abgasgestank. Doch dann die Ueberraschung. Die Innenstadt, vor allem der Stadtteil Miraflores, lockt mit Cafes, Shopping-Center, die ihresgleichen in Europa oder Amerika suchen und einer angenehmen und relaxten Atmosphaere. Lima wird uns positiv in Erinnerung bleiben…

Weit weniger positiv sind die Begegnungen mit den Hunden. Waehrend die Hunde an der Kueste bei jedem zornigen Blick verschreckt zur Seite weichen, sind die Klaeffer im Hochland von einem anderen Kaliber. Radler scheinen eine willkommene Abwechslung zu sein bei den Artgenossen mal einen maechtigen Eindruck zu hinterlassen. Selbstsicher stellen sie sich bei jeder Gelegenheit in unseren Weg. Und rennen koennen sie: Wir muessen uns schon sicher sein, dass wir schneller als 35 KM/H fahren koennen, wenn wir sie abschuetteln wollen. Aber auch das funktioniert nicht immer. Ein Hund schafft es, bei voller Fahrt einmal kraeftig in Andreas Gepaecktaschen zu beissen. Zum Glueck war es nicht unsere Essenstasche. Pech gehabt, peruanischer Hund…

Radeln in der peruanischen Kuestenwueste wird fuer uns schnell zur Routine. Frueh aufstehen (um dem Suedwind moeglichst lange zu entgehen) und Kilometer machen. Mittags gehen wir meist essen und zahlen oft nur einen Spottpreis von umgerechnet 2-3 Euro fuer Suppe, Hauptgang und Getraenk. Fuer 2 Personen wohlgemerkt. Auch ansonsten sind die Lebensmittel spottbillig. Einkaufen macht trotzdem wenig Spass, denn wir muessen unsere Sachen in verschiedenen Geschaeften muehsam zusammenkaufen. Die Prozedur ist dabei jedesmal gleich: Selbst im kleinsten Laden muss man erst an der Kasse die gewuenschten Lebensmittel bezahlen. Dann bekommt man einen handgeschriebenen Zettel auf dem die bezahlten Lebensmittel draufstehen. Mit dem geht man zum Verkaeufer, der meist gelangweilt hinter seiner Theke steht. Natuerlich kann er die Schrift des Kassierers nicht lesen und so wird erstmal diskutiert, was denn die Gringos so alles wollen. Nach langen Verhandlungen bekommt man schliesslich endlich, was man gerne haette. Fuer ein paar Broetchen muss man da schonmal mit einer Viertelstunde Einkaufszeit rechnen…

Anders als bei uns zuhause geht es auch beim Essen gehen vor sich. Man bekommt die Karte ausgehaendigt und die Bedienung bleibt so lange am Tisch stehen, bis man sich entschieden hat. Wenn dann das Essen auf dem Tisch steht, gilt es, mit einem Auge immer die Bedienung zu beobachten. Denn kaum legt man Messer und Gabel fuer eine Sekunde zur Seite steht sie auch schon neben einem und moechte mit gezieltem Griff den Teller oder das noch halbvolle Glas wegziehen. Entspannen beim Essen geht anders.

Peru gefaellt uns trotzdem ausserordentlich gut. Wir werden sehr freundlich aufgenommen und haben so gut wie nie das Gefuehl, ueber den Tisch gezogen zu werden. Im Gegenteil: Als wir an einem Radladen einen neuen Seitenstaender fuer Andreas Rad kaufen, sagt der Verkaeufer, dass der Staender Schrott sei und er ihn nicht kaufen wuerde. Wir kaufen ihn trotzdem. Keine 10 Kilometer spaeter faellt er beim ersten hinstellen in sich zusammen…

Nach besagten 10 Tagen radeln erreichen wir Nazca. Die beruehmten riesigen Wuestenzeichnungen, die die Nazca-Kultur vor ueber 1.500 Jahren in den Wuestenboden gegraben haben und immer noch Raetsel aufgeben, sehen wir zwar nicht so gut wie erhofft, doch dafuer sehen wir Sabine und Matthias, zwei Studienkollegen von Joerg. Sie haben in Peru Urlaub gemacht und waren zufaellig am gleichen Tag in Nazca wie wir. Klar, fuer welches „Kulturprogramm“ wir uns entschieden. Schoen, mal wieder bekannte Gesichter zu sehen…

Von Nazca sind wir dann per Bus nach Cusco, der alten Inka-Stadt im Herzen der peruanischen Anden gefahren. Gekrochen waere jedoch der bessere Ausdruck. 12 Stunden waren fuer die knapp 600 Kilometer geplant, 24 Stunden wurden daraus. Mitten in der Nacht hatte unser Bus auf ueber 4.000 Meter eine Panne und wir mussten einige Stunden in Eiseskaelte auf einen Ersatzbus warten. Aber auch der schien bis auf die ersten beiden Gaenge nichts vorzuweisen zu haben. Von Busfahren haben wir nun erstmal die Nase voll. Hier in Cusco stehen ein paar Ruhetage und vor allem der Besuch des Machu Picchu auf dem Programm. Doch davon das naechste Mal mehr.

Viele Gruesse aus Peru

Joerg und Andrea 

Die Kuestenwueste Perus

18. Mai 2007

Gleich nach der Grenze Ecuador/ Peru werden wir mit der traurigen Realitaet Perus konfrontiert. Das Land ist sehr arm und so sehen wir viele einfachste Wellblechhuetten, viel Muell und Dreck. Nach ein paar Tagen kommen wir dann in den Zentralbereich der nordperuanischen Kuestenwueste. Hier ist das Erdoelzentrum Perus. Ueberall stehen Bohrtuerme und wir sehen unzaehlige kleine Pipelines auf dem Wuestenboden liegen. Aus der ein oder anderen tropft das Oel und so liegt ein beissender Oelgestank in der Luft. Die Gegend ist so oede und trostlos, dass normalerweise nur Leute hierher kommen, die mit Oel zu tun haben. In Talara, der westlichsten Stadt ganz Suedamerikas, dreht sich daher folglich alles ums schwarze Gold. Gleich neben dem Hauptplatz steht eine riesige Erdoelraffinerie, die fuer ein besonders romantisches Sonnenuntergangsbild sorgt.

Die Leute in Peru sind jedoch ueberaus freudlich. Wir kommen uns schon manchmal vor, wie der Papst auf Auslandsbesuchen – so viele Leute winken uns zu oder strecken uns den „Daumen nach oben“ entgegen. Manche Mopedfahrer fahren neben uns her und fragen uns aus. Andere machen Bilder von uns. In Piura, einer grossen Universitaetsstadt inmitten der Kuestenwueste, wird gleich ein Sicherheitsbeamter abgestellt, der mit uns eine Unterkunft suchen soll. Selbstbewusst geht er in jedes Zimmer der ausgesuchten Hostales und prueft, ob das Wasser heiss ist und die Matrazen gut. Dann endlich finden wir eine gute und preiswerte Unterkunft.

Nach der langen Sucherei goennen wir uns erst einmal ein Eis. Wie immer, laeuft in voller Lautstaerke ein Fernsehgeraet in der Eisdiele. Diesmal im Programm: „James Last live in Bayreuth“. Und das mitten in Peru. So schnell ist man zurueck in der Heimat. In dem Cafe des groessten Hotels der Stadt werden wir vom Besitzer angesprochen, ob wir nicht fuer Werbeaufnahmen zur Verfuegung stehen wollen. In wenigen Wochen sind wir wohl auf der Internetseite und im neuen Hotelprospekt zu sehen…

Eine starke Erkaeltung von Andrea zwingt uns leider zu einer gut 8-taegigen Zwangspause. Danach geht es weiter mitten durch die Wueste. Das letzte Mal hat es hier 1998 geregnet, als das Klimaphaenomen El Nino kraeftig zugeschlagen hat. Die Gegend gefaellt uns ausgesprochen gut. Steine, Sand, Einsamkeit. Nur ab und zu kommen kleine Oasenorte, in denen man uebernachten kann oder was zu essen und trinken bekommt. Zum Einsatz kommt auch wieder unser Wecker, denn wir starten meist sehr, sehr frueh, um dem im Laufe des Tages immer staerker werdenden Suedwind moeglichst lange zu entgehen.

Umstaendlich ist der Umgang mit Soles, der peruanischen Waehrung. Jeder hat Angst vor Falschgeld und so wird fast jede Muenze und jeder Schein erstmal ausgiebig auf Echtheit geprueft. Selbst die Kassiererin eines Supermarktes laesst sich nicht aus der Ruhe bringen und prueft pflichtgemaess jeden Schein, egal wie lange die Warteschlange ist. Beim ziehen von Geld am Bankautomat bekommen auch wir prompt eine „Bluete“. Der Sicherheitsbeamte der Bank zeigt sich hilfsbereit: Sofort wird der falsche 100er gegen echte Scheine getauscht….

Nach wenigen Tagen erreichen wir dann Trujillo, die drittgroesste Stadt Perus. Wir wollen am naechsten Tag eigentlich weiter, doch Lucho, der Inhaber eines Radladens und Betreiber eines Radlertreffs, laesst uns nicht ziehen. Schon in Mexico haben wir von ihm gehoert, besuchen natuerlich seine Casa de Ciclista (mehr Infos unter http://www.geocities.com/casadeciclistasperutrujillo/) und lesen in seinen Gaestebuechern von jeder Menge Radreisenden. Einige davon kennen wir sogar. Ueber andere Reisende staunen wir. So lesen wir von jemanden, der in 12 Jahren zu Fuss mit einem Einkaufswagen die Welt umrundet. Lucho und seine Familie sind super gastfreundlich zu uns. Wir werden mit zur Geburtstagsfeier der Mutter genommen, die erst spaet abends startet und tief in der Nacht mit peruanischer Musik aufhoert. Am naechsten Morgen kriegen wir die Augen kaum auf, doch wir koennen uns nicht verfahren. Es gibt an der Kueste nur eine Strasse: Die Panamericana…

2 Tagesetappen weiter dann die naechste „Casa de Ciclista“. Mitten im Nichts der Kuestenwueste hat Clemente ein kleines Restaurant. Wir werden eifrig herbeigewunken und sofort fuerstlich bewirtet. Fuer alle, die bei Kilometer 348 Norte mal vorbeikommen: Die Pfannekuchen sind goettlich und endlich gibt es mal wieder richtig aufgebruehten Kaffee! Auch hier bekommen wir irre Geschichten von anderen Radreisenden zu lesen. Nachdem auch wir uns verewigt haben und Clemente fest versprechen, dass wir allen Radlern, die wir auf dem Weg nach Feuerland treffen, von ihm erzaehlen, hat uns die Kuestenwueste wieder.

Einige Tage fahren wir noch Richtung Sueden. In Pativilca, einem unscheinbaren Oertchen am Pazifik, versuchen wir dann einen Bus ins Hochland zu bekommen. Nach der Erkaeltungszeit wollen wir uns die Kletterei auf den 4.100 Meter-Pass ersparen. Doch stundenlang passiert nichts. Alle Busse sind voll. Irgendwann taucht die Polizei auf. Die ganze Strecke in Peru, aber auch in allen anderen Laendern Lateinamerikas war die Polizei immer sehr freundlich und hilfsbereit zu uns. Nach den ueblichen Fragen „woher, wohin und kennt ihr Claudio Pizarro?“ (auf den peruanischen Fussballspieler in Diensten des FC Bayern sind sie alle stolz ohne Ende) fragen sie uns, warum wir in Pativilca rumhaengen. Wir schildern unser Problem. Sofort setzt der Polizist eine staatstragende Miene auf. Der naechste Bus wird angehalten. Auch er ist voll. Polizeilich wird angeordnet, dass wir mit unseren Raedern mitzunehmen sind. Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Jetzt sind wir erst einmal einige Tage im Hochland unterwegs, bevor wir wieder zur Kueste runterfahren und dann weiter Richtung Lima unterwegs sind. Aber dazu spaeter mehr…

Alles Gute aus Peru

Andrea und Joerg

Ecuador: Kraeftezehrende Anden und Bananen

29. April 2007

Nach recht langer Zeit ohne Rad fahren und den Besuchen der Galapagos-Inseln und der Huaorani-Indianer war wieder mal radeln angesagt. Allerdings haben wir die Rechnung ohne den Wirt, d.h. ohne die Ecuadorianischen Anden, gemacht. Trotz vielen Nebels war das Klima optimal zum radeln, doch viele, viele Paesse und steile Anstiege haben uns an unsere physische und psychische Grenze gebracht. Mittlerweile sind wir im Grenzgebiet zu Peru und damit zurueck an der Pazifik-Kueste. Die Anden liegen erst einmal hinter bzw. neben uns. Trotzdem: Mit ein wenig Sorge blicken wir nach vorne auf die vielen anstrengenden Andenkilometer, die noch auf uns in Peru und Bolivien warten. Bis dahin liegen allerdings noch einige Kilometer durch die Peruanische Kuestenwueste vor uns. Vornehmliche Windrichtung ist hier von Sued nach Nord. Einfaches cruisen geht anders.

Vom Hochgebirge ging es durch einige Schluchten und ueber viele Huegel hinunter zur fruchtbaren Kueste Ecuadors. Man sagt, dass man hier unten einfach einen Besenstil in die Erde rammen braucht – und schon faengt er an zu bluehen. Es ist der Obst- und Gemuesegarten Ecuadors. Wir fahren durch endlos lange Bananenplantagen und sehen fasziniert zu, wie schnell Bananen geerntet, gewaschen, gewogen und in Kisten verpackt auf LKWs geladen werden. Die Container landen dann am gleichen Tag auf Bananen-Frachtern, die von hier den Weg in die Welt antreten. Beim pfluecken sind die Bananen noch gruen. Erst auf dem Schiff erhalten sie ihre Reife und damit gelbe Farbe. Auf „unserer“ Plantage wurden Bananen fuer den US-Markt geerntet. In 3 Wochen landen diese in amerikanischen Maegen. Wir sehen aber auch Hinweisschilder von Plantagen, wo Bananen angebaut werden, die das „deutsche Oekosiegel“ bekommen. Hier kommen sie also her, die leckeren gelben Fruechte, die man bei uns so einfach an der Obsttheke kaufen kann…

Weniger Kilometer weiter dann die Grenze zu Peru. Peru ist das 11. Land unserer Reise. Trotzdem: Ein wenig aufregend ist ein Grenzuebergang noch immer. Vor allem, wenn er inmitten eines chaotischen Marktes stattfindet. Mitten auf dem Markt ist der Schlagbaum. Ueberall Haendler, schleichende LKWs, dubiose Gestalten. Wir sind in „erhoehter Alarmbereitschaft“ – doch wie bisher immer geht alles gut und wir haben Ruck-Zuck unseren Einreisestempel im Pass und radeln durch Peru.

Die Landschaft aendert sich schnell. Vom tropischen, fruchtbaren Gruen geht die Landschaft schnell in eine monotone Wuestenlandschaft ueber. Wir erreichen die Kuestenwueste Perus. Doch dazu mehr beim naechsten Mal. Die letzten Fotos aus Ecuador findet ihr uebrigens unter „aktuelle Diashows“.

Alles Gute

Andrea und Joerg

Bei den Huaorani-Indianern im Amazonas-Regenwald

19. April 2007

Wow. Wir sind noch immer voller Eindruecke der letzten Tage, die wir bei einer Gemeinschaft der Huaorani-Indianer im ecuadorianischen Amazonas-Regenwald verbracht haben. Doch der Reihe nach…

Nach unseren Tagen auf Galapagos muessen wir uns erst einmal wieder in Quito an die Hoehe akklimatisieren. Wieder auf dem Rad stellt sich gleich der erste hoehere Berg in unseren Weg. Kurz hinter Quito klettert die Panamericana auf gute 3.500 Meter – eine Hoehe, in der in Europa normalerweise Bergstationen von Skigebieten liegen. Obwohl die Steigung angenehm zu fahren ist, keuchen wir muehsam den Berg hoch. Von der „Allee der Vulkane“, wie die Strasse hier genannt wird, sehen wir nicht viel. Bei schoenem Wetter kann man sich an Ausblicken auf gut einem Dutzend schneebedeckter Vulkane mit einer Hoehe von bis zu 6.300 Metern erfreuen. Doch der April ist der Monat mit dem meisten Regen und so verhuellen oft dichte Wolken den Blick auf die Giganten aus Eis. Wir sind schon froh, wenn wir unsere Kilometer im Trockenen schaffen. Das gelingt auch meist, denn „Regenzeit“ in Ecuador heisst, dass es meist nur am Abend oder nachts regnet.

Auf Galapagos haben wir eine amerikanische Familie kennengelernt, die seit ein paar Jahren in Ecuador am Rande des Regenwaldes arbeitet. Von ihnen bekommen wir eine Menge Informationen ueber das Leben der Indianer und verspueren einmal mehr den Wunsch, dort hin zu fahren, denn Ecuador hat den vermeintlich einfachsten Zugang zum Amazonas-Gebiet. Eigentlich wollten wir mal wieder „Strecke machen“. Doch an einer Kreuzung – links geht es in Richtung Amazonas-Regenwald, rechts weiter auf der Panamericana – entschliessen wir uns kurzerhand, doch noch zu den Indianern zu fahren. In Banos, einem der letzten touristischen Orte vor dem Dschungel, organisieren wir uns einen Guide. Er besorgt uns die notwendigen Genehmigungen der Indianer-Verwaltung und kauft Lebensmittel und Ausruestung fuer die 5-taegige Tour ein. Dort erfahren wir auch, dass wir angeblich die ersten Touristen sind, die seit 10 Jahren fuer ein paar Tage nach Tonampare fahren. Die wenigen Touristen, die sonst hinkommen, fliegen morgens ein und sind vor Sonnenuntergang wieder weg. Von Banos fahren wir aber erst einmal per Rad durch eine abenteuerliche Schlucht, durch viel Matsch und Regen nach Shell. Dort koennen wir bei der amerikanischen Familie – Mary, Don, Jenna, Zac und Jordan – uebernachten und einige unserer Sachen unterstellen. Shell wurde vor gut 50 Jahren von der gleichnamigen Erdoelgesellschaft gegruendt, als im ecuadorianischen Regenwald Oel gefunden wurde. Heute wird der kleine Flugplatz von Missionaren und Oelgesellschaften genutzt. Ausser ein paar Haeusern und einer Landebahn gibt es dort nicht viel. Wir chartern einen Flieger, der uns zu den Huaorani-Indianern bringen soll. Am naechsten Morgen um 10 Uhr soll es eigentlich los gehen, doch das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. In Tonampare regnet es. Kein Wunder – wir wollen ja in den Regenwald. Stunde um Stunde werden wir vertroestet. Dann, um 16:00, ist es endlich so weit. Wir werden samt Gepaeck gewogen, steigen mit unserem Guide in die kleine Maschine und starten in den Dschungel. Ein komisches Gefuehl, haben wir doch von dem Indianer-Stamm schon so viel gehoert. Die ersten Weissen, die dort vor 50 Jahren gelandet sind, wurden umgebracht. Auch sonst haben die Huaorani-Indianer eine kriegerische Geschichte hinter sich. Gegenseitiges Morden stand auf der Tagesordnung und so gibt es auch heute im Stamm kaum aeltere Leute. Angeblich ist es auch heute noch ohne Genehigung gefaehrlich, in ihr Gebiet zu kommen, doch wir fuehlen uns die ganze Zeit sicher und gut aufgenommen. Trotzdem haben wir ziemlich feuchte Haende, als kurz nach dem Start unter uns die letzten Strassen verschwinden und wir nichts weiter sehen als undurchdringlichen Regenwald. Auch unser Pilot ist sichtbar nervoes, ist doch die Landebahn im Dschungel nur eine Wiese mit vielen Pfuetzen. Als unser Flieger zum stehen kommt, scharrt sich das ganze Dorf um uns und beobachtet uns neugierig.

Wir bauen unser Zelt in einer kleinen Huette auf und werden von anderen Einwohnern stuermisch begruesst: Den Moskitos. Danach besuchen wir Dayumae. Mit geschaetzten 80 Jahren (so genau weiss das dort niemand – Zeit ist den Indianern egal) ist sie nicht nur die Dorfaelteste und Chefin des Stammes, sondern auch so was wie ein Hollywood-Star. Letztes Jahr wurde ein Teil ihrer Geschichte verfilmt (http://www.endofthespear.com): Der erste, leider blutige Kontakt mit Weissen vor gut 50 Jahren. Sie erzaehlt uns, wie ihr Stamm langsam den Weg zum Frieden gefunden hat. Mittlerweile werden die Speere nur noch zum jagen und angeln benutzt und die Indianer tragen Kleidung. Nur noch zu Festen zieht man die traditionelle „Kleidung“ an und laeuft nackt umher.

Am naechsten Morgen besuchen uns Dayumae und ihr Mann Kumi in unserer kleinen Huette. Als Gastgeschenke haben wir Brot und fuer die Kinder Suessigkeiten und Luftballons mitgebracht. Vor allem Brot ist hier heiss begehrt, denn die Speisekarte ist eher duerftig. Bananen (es gibt hier 42 verschiedene Sorten) gibt es jeden Tag. Ansonsten nur dass, was man von der Jagd oder vom Angeln mitbringt. Affe zum Beispiel ist eine Delikatesse (vor allem junger Affe soll soooo gut schmecken), doch im Umkreis von 2 Tagesmaerschen sind bereits alle Affen aufgegessen und so gibt es Affe nur noch selten. Kumi besieht sich neugierig unser Zelt und bietet uns als Tausch 10 Speere dafuer an. Wir lehnen dankend ab. Nach dem Fruehstueck brechen wir mit den Beiden und unseren Fuehrern (neben „unserem“ Fuehrer haben wir noch einen Einheimischen, der die ganze Zeit bei uns ist) auf und fahren per Einbaum zu einem abgelegenen kleinen Dorf. Unterwegs legt Kumi Angeln aus, die wir auf dem Rueckweg wieder einholen. Richtig gross ist der Fang am Abend jedoch nicht. Kein Wunder, hatten wir doch keine Boa-Constrictor-Zaehne dabei. Die sollen angeblich einen guten Fang garantieren (auch bei den Frauen).

Im Dorf angekommen machen wir uns nach kurzer Zeit mit Dayumae auf, um abgelegene Huetten zu besuchen. Wir sind erstaunt, wie diese alte Dame mit Ruecken- und Zahnschmerzen sich durch dichten Dschungel plagt. Sie nutzt die Gelegenheit mit uns und besucht „ihr Volk“. Nicht ohne Eigennutz, denn sie bekommt ueberall Geschenke. Mal sind es ein paar Voegel, mal ein Fisch und immer eine grosse Schale Chicha. Chicha ist das Nationalgetraenk. Es wird aus der Jucca-Pflanze gewonnen. Dessen Fleisch wird gekocht und gestampft. Danach spuken die Frauen in den Brei. Durch den Speichel kommt ein Fermentierungsprozess in Gang. Nach 2-3 Tagen ist die klebrige Masse fertig, wird mit Wasser verduennt und kann getrunken werden. Es schmeckt nicht schlecht – in etwa wie saeuerlicher Joghurt – doch im Wissen des Herstellungsprozesses trinken wir nur ein paar Schlucke.

Ein Bewohner zeigt uns, wie man mit einem Blasrohr umgeht. Diese traditionelle Art der Jagd wird noch immer praktiziert, vor allem, um Voegel und Affen zu bekommen. Mit einfachen Pfeilen – normalerweise werden die Pfeile vor der Jagd mit pflanzlichem Gift getraenkt – machen wir ein paar Schiessversuche auf eine nur wenige Meter entfernte Frucht. Wie erwartet treffen die Indianer immer genau in die Mitte. Ich habe Schwierigkeiten, das gut 2,50 Meter lange und recht schwere Blasrohr ueberhaupt zu halten.

Den naechsten Tag verbringen wir mit „abhaengen“ im Dorf. Es ist Wahl in Ecuador und selbst in die hintersten Indianer-Doerfer fliegt die Armee mit Helikoptern Wahlurnen. Kumi bastelt uns in stundenlanger Arbeit 2 Federkronen. Zeit ist hier nicht wichtig und so geht alles seinen sehr, sehr langsamen Weg. Am Abend gehen wir mit unseren Guides am Fluss angeln. Wer wen angelt, ist jedoch die Frage. Wir gehen mit leeren Haenden nach Hause, doch die Moskitos sind voll auf ihre Kosten gekommen. So zerstochen wie an dem Abend waren wir bisher noch nie. Diesbezuglich ist der naechste Tag angenehmer. Mit Kumi machen wir eine Wanderung durch den dichten Dschungel und bekommen jede Menge medizinischer Pflanzen erklaert und essen ein paar Ameisen, die nach Zitrone schmecken. Obwohl Kumi immer wieder den Weg mit einer Machete freischlagen muss, kommen wir kaum hinterher und sind froh, wenn er ab und zu anhaelt, um Vogelstimmen zu immitieren. 

Wie auch beim Hinflug muessen wir auch lange auf unseren Rueckflug warten. In der Nacht hat es maechtig geregnet und so steht die ganze Landebahn unter Wasser. Froilan, unser Guide, saugt mit einem Schwamm muehsam das Wasser aus den Pfuetzen der Landebahn auf. Dann wird ueber Radio, der einzigen Verbindung zur Aussenwelt, Shell kontaktiert und gruenes Licht gegeben. Wir stehen auf der Wiese und warten auf unser Flugzeug. Mit uns wartet auch Dayumae. Sie moechte gerne zum Zahnarzt nach Shell und wir bieten ihr die Mitfluggelegenheit an. Unser Pilot hat allerdings maechtig was dagegen. Aufgrund der rutschigen Piste hat er Angst, dass jedes Kilo mehr ein Kilo zuviel sein koennte und so kann Dayumae leider nicht mitfliegen. Enttaeuscht gibt sie dem Pilot mit ihrem Krueckstock noch ein wenig Pruegel mit auf den Weg. Sollte jedoch ernsthaft etwas sein, kann immer noch ein Flugzeug der Regierung gerufen werden.

Nach 5 Tagen bei den Huaorani-Indianern sind wir schnell wieder zurueck in der Zivilisation. Wir sind froh und dankbar darueber, dass wir diese Erfahrung machen durften, denn auch bei den Indianern haellt die Zivilisation immer mehr Einzug und so wird in ein oder zwei Generationen viel altes Wissen verloren gehen.

Liebe Gruesse

Andrea und Joerg 

Galapagos Inseln

9. April 2007

Puhh. Aufatmen. Sowohl wir, als auch unsere Raeder haben den Flug von Panama nach Quito heil ueberstanden. Vor allem bei den Raedern hatten wir unsere Sorgen, haben wir sie doch auf anderen Reisen schonmal ziemlich ramponiert zurueck bekommen.

Quito, die Hauptstadt Ecuadors, liegt auf 2.800 Metern. Das Klima ist angenehm, und so wird Quito als die Stadt des ewigen Fruehlings bezeichnet. Ein wenig Pech haben wir jedoch mit dem Wetter. Der April gilt im Hochland Ecuadors als der regenreichste Monat des Jahres. Wirklich beschweren ueber das Wetter koennen wir uns jedoch nicht, denn bisher haben wir auf der ganzen Reise 14 Regentage gehabt, in den letzten 6 Monaten sogar nur 2. Auch hier hoffen wir, dass wir vom Regen einigermassen verschont bleiben, denn Regenzeit heisst hier, dass es morgens schoen ist, Nachmittags bewoelkt und es am fruehen Abend anfaengt zu regnen. Warten wirs mal ab.

Zuerst ging es jedoch fuer ein paar Tage auf die Galapagos-Inseln. Schon lange haben wir uns darauf gefreut, dieses einmalige Naturparadies mitten im Pazifik zu besuchen. Durch vulkanische Aktivitaeten hat sich gut 2 Flugstunden vom Festland entfernt ein ganzes Archipel von Inseln gebildet, auf dem aufgrund der Isolation vom Festland viele Pflanzen und Tiere endemisch sind. Ein Ende der Existenz von Galapagos ist jedoch abzusehen. Mit der Geschwindigkeit eines wachsenden Fingernagels schieben sich die Inseln in Richtung suedamerikanisches Festland und werden in einigen Millionen Jahren darunter abtauchen. Im Westen der Inseln ist jedoch fuer Nachschub gesorgt: Durch starke vulkanische Aktivitaeten entstehen dort neue Inseln. Die Pflanzen- und vor allem Tierwelt ist beeindruckend: Wir sehen jede Menge Inguane und Leguane, sowohl Meeres-, als auch Landschildkroeten (mit bis zu 300 Kilogramm Gewicht und einem Alter von bis zu 150 Jahren floessen sie einem ganz schoen Respekt ein), dutzende Haie und Pinguine. Der Hoehepunkt waren jedoch die Ausfluege mit kleinen Booten zu abgelegenen Inselchen oder einfach nur zum schnorcheln in den Buchten. Wir koennen im Wasser mit Seeloewen spielen (oder besser gesagt die mit uns), sehen Meeresschildkroeten unter uns herschwimmen und koennen sogar mit einem ca. 10 Meter grossen Pilotwal schnorcheln. Ein ehrfuerchtiger Anblick, so einen grossen Wal nur wenige Meter vor einem zu sehen. An Land machen wir einen Ausflug mit Pferden zu einem der noch aktiven Vulkane und laufen im Krater des, vor 2 Jahren zum letzten Mal ausgebrochenen, Vulkans umher. Doch so paradiesisch Galapagos auch ist: Hier hat der Mensch ganz schoen viel Unheil angerichtet und tut es auch heute noch. Vor einem Jahrhundert wurden z.B. unzaehlige Schildkroeten abgeschlachtet, nur um mit den Rueckenpanzern einen Weg zu kennzeichnen. Andere Schildkroetenarten wurden sogar komplett ausgerottet. Von einer anderen Art gibt es nur noch einen Ueberlebenden: Lonley George. Er fristet sein Dasein in der Charles Darwin Station. Alle Versuche, fuer ihn die passende Frau zu finden, sind bisher fehlgeschlagen. Es scheint so, als ob er auf Schildkroetenfrauen von anderen Arten keine Lust hat und so wird seine Spezie mit seinem Tod auch aussterben. Aber auch heute noch wird durch unerlaubtes Fischen dem einzigartigen Lebensraum rund um Galapagos grosser Schaden zugefuegt. Korruption und Missmanagement erschweren den Schutz des Archipels.

Dass in Ecuador nicht alles glatt laueft, erfahren auch wir hautnah. Am Ablugtag von Quito nach Galapagos stehen wir rechtzeitig am Flughafen. Doch wir kommen nicht mit, da wir auf eine andere Maschine gebucht sind, als in unserem Ticket und unserer Bestaetigung steht. Kein Mensch hat uns das mitgeteilt. Also muessen wir einen Tag laenger in Quito bleiben. Bei der Rueckreise warten wir mit vielen anderen Reisenden und Einheimischen auf den Bus, der uns zum Flughafen von Galapagos bringen soll. Doch der Bus kommt nicht. Von aufgeregten Mitwartenden wird die Polizei – Dein Freund und Helfer – gerufen, die dafuer sorgen, dass ein Bus bereitgestellt wird. Als die Polizisten jedoch wieder zufrieden von dannen ziehen, entscheidet sich die Busgesellschaft spontan, dass der Bus doch nicht faehrt. Wir haben keine Lust auf die Spielereien (die Polzei und nun sogar das Fernsehen werden erneut gerufen) und nehmen uns ein Taxi. Mit 8 Personen in einem Taxi bringen wir die 30 Minuten Fahrt zum Flughafen ziemlich gequetscht hinter uns. Willkommen in Suedamerika.

Hier in Quito besuchen wir das Aequator-Denkmal (und springen zwischen Nord- und Suedhalbkugel hin und her) und machen nochmal Grosseinkauf. Morgen geht es dann weiter Richtung Sueden.

Liebe Gruesse

Andrea und Joerg

Strecke machen in Panama

2. April 2007

In Panama ist „Strecke-machen“ fuer uns angesagt. In wenigen Tagen fahren wir die 500 Kilometer von der Grenze Costa Ricas bis nach Panama-City. Der Strassenzustand der Panamericana schwankt zwischen blitz-blanker Superasphaltpiste bis zu im Stadium der Aufloesung befindlicher Betonfahrbahn. Den Ruecktritt des Verkehrsministers fordern wir trotzdem nicht, denn die Strasse wird ueberall kraefig ausgebaut. Landschaftlich ist sie allerdings nicht der Hammer. Die Regenwaelder wurden schon vor langer Zeit abgeholzt und so fahren wir Kilometer um Kilometer auf autobahnaehnlicher breiter Strasse durch oede, trockene Landschaften. Einzige Abwechslung: Wir treffen wieder mal andere Tourenradler. Diesmal 2 Spanier, die mit ihrem Tandem einmal um die Welt wollen (http://www.elmundoentandem.com/ – in spanisch). Wie immer wird die Informationsboerse geoeffnet und wir tauschen Tipps fuer die jeweils weitere Strecke aus. Infos aus erster Radlerhand haben fuer uns das Praedikat „besonders wertvoll“.

Auf halber Strecke besuchen wir im kleinen Ort Penonome ein SOS Kinderdorf. Wie in den bisher besuchten Kinderdoerfern werden wir auch hier schnell aufgenommen und sofort zum Fussball spielen aufgefordert. Michael Ballack kommt aus Deutschland – also muessen alle Deutschen gut Fussball spielen koennen. Um 18 Uhr stehen wir jedoch auf einmal alleine auf dem Spielplatz. Es ist Abendessenszeit. Fuer uns die gute Gelegenheit, mit dem Direktor des Kinderdorfes zu sprechen. Ueber 100 Kinder leben hier in 12 Hauesern. 2 weitere Haeuser sind im Bau und nach deren Eroeffnung werden es ca. 130 Kinder sein. Stolz wird uns berichtet, dass bereits einige Kinder Karriere als Ingenieure oder Piloten gemacht haben. Sorge macht jedoch auch hier das Geld. Nur eine Handvoll Kinder hat Paten. Den groessten Teil der Unterhaltskosten muss durch andere Spenden gedeckt werden, doch Hilfsprojekte gibt es auch in Panama viele – die Konkurrenz um Spenden ist daher gross.

Am naechsten Morgen geht es weiter Richtung Panama-City. Der Verkehr wird dichter. Wir fahren auf einer Autobahn. Der vermeintliche Hoehepunkt der Strecke kommt kurz vor der Stadt. Wir erreichen die „Puente de las Americas“. Diese weltberuehmte Bruecke ueberquert den Panamakanal und ist damit die Klammer zwischen Nord- und Suedamerika. Fuer uns ein bewegender Moment, auf den wir schon lange hinfiebern. Wir fahren auf die Bruecke zu. Gaensehautfeeling. Es ist Dienstag, der 27. Maerz 2007. Nach 260 Tagen und 13.710 Kilometern wollen wir auf suedamerikanischen Boden rollen. Doch unsere Stimmung wird jaeh durch 2 Polizisten kaputt gemacht, die uns die Ueberfahrt ueber die Bruecke verwehren. Die Begruendung: Wegen des Irak-Krieges und weil Atombomben gefaehrlich seien, ist die Bruecke fuer Radfahrer gesperrt worden. Alle Ueberredungsversuche helfen nichts. Die Beamten sind hart wie Beton. Mit staatstragender Miene halten sie einen LKW an und verdonnern den Fahrer, uns samt Raedern auf die andere Seite zu bringen. Mit langem Gesicht passieren wir die „Puente de las Americas“ im Fuehrerhaus eines langweiligen LKW.

Panama ist gepraegt durch – natuerlich – den Panama-Kanal. Schon lange wurde davon getraeumt, die 80 Kilometer zwischen Atlantik und Pazifik schiffbar zu machen. Die Franzosen trauten sich Ende des 18. Jahrhunderts als erste an das Mamutprojekt, gaben jedoch nach einigen Jahren und 20.000 Toten auf. Es blieb den Amerikanern vorbehalten, den Bau Anfang des 20. Jahrhunderts in 10-Jaehriger Bauzeit mit bis zu 70.000 Arbeitern zu vollenden. Durch den Kanal ist Panama ein Vielvoelkerstaat geworden. Selbst in entfernteren Gegenden sieht man viele Nachfahren von Chinesen oder Afrikanern, die zum Bau hierher gebracht wurden. Die Zahlen des Kanals sind gigantisch: 14.000 Schiffe nutzen ihn jedes Jahr, 5% des globalen Handelsvolumens gehen hindurch. Eine Passage ist nicht ganz billig: Im Schnitt zahlt ein Schiff 50.000 Dollar fuer die Durchfahrt. Wenn man ein Express-Ticket haben moechte (um so die teils langen Wartezeiten zu verhindern), sind bis zu 200.000 Dollar faellig. Faszinierend sind die in der Naehe von Panama-City liegenden Miraflores-Schleusen. Hier werden die Schiffe von Meereshoehe auf 26 Meter angehoben. Als wir zur Schleuse kommen, wird gerade das Containerschiff „Cap Nelson“ hochgeschleust. Es hat eine Menge Container mit der Aufschrift „Hamburg-Sued“ an Bord. Als es die Schleuse Richtung Karibik verlaesst, schicken wir ein paar Gruesse mit in die Heimat… Mittlerweile ist der Kanal viel zu klein fuer den staendig wachsenden Containerverkehr geworden. Ende letzten Jahres hat die Bevoelkerung daher in einer Volksabstimmung fuer einen nicht weniger gigantischen Ausbau gestimmt.

Panama-City ist fuer uns eine sehr merkwuerdige Stadt. Als Steueroase zieht es viel Geld an. Irgendwie ist die Stadt amerikanisch – aber doch ziemlich chaotisch. So laut, so nervig, so dreckig haben wir noch keinen Verkehr in einer Grossstadt erlebt. Dutzende moderne Einkaufszentren gibt es – doch vieles steht leer. Wir bleiben ein paar Tage, reparieren ein paar Sachen an unseren Raedern und buchen einen Flieger nach Quito in Ecuador, denn Panama hat neben dem Kanal auch Mut zur Luecke. Einige Hundert Kilometer hinter Panama-City hoert die Panamericana in der Provinz Darien auf. Es ist die einzige Luecke im Strassennetz von Alaska nach Feuerland. Noch immer ist die Durchquerung des sogenannten Darien-Gaps ein richtiges Abenteuer und nur was fuer Leute, die auf ein Stelldichein mit Paramilitaers, Drogenschmugglern und Malaria-Moskitos aus sind. Mit langen Wartezeiten geht es von Panama-City entweder nur per Schiff oder per Flug weiter. Da wir das naechste Land – Kolumbien – auslassen, bleibt fuer uns nur der Flieger. Im Vorfeld der Reise schien uns Kolumbien nicht sicher genug zu sein. Unterwegs jedoch hoeren wir nur positive Sachen ueber das Land. Dennoch: Eine Reise durch Kolumbien wuerde unseren groben Zeitplan komplett durcheinander werfen. Beim naechsten Mal vielleicht…

Am 30. Maerz stehen wir mit verpackten Raedern am Flughafen von Panama-City. Nordamerika und Zentralamerika liegen hinter uns. Wir sind selbst von der Vielfalt an Landschaften, Wetter und Menschen entlang unserer bisherigen Strecke ueberwaeltigt. Die fast 9 Monate, die wir schon on-tour sind, vergingen wie im Fluge. Riesig freuen wir uns immer ueber Kommentare, Gaestebucheintraege oder e-mails und dass so viele Menschen an unserer Reise teilhaben. In schwierigen Situationen hilft jeder Kommentar und jede e-mail und traegt so mit zum Gelingen unserer Reise bei. Fuer das viele Feedback moechen wir uns ganz herzlich bei allen bedanken.

Wir melden uns wieder aus Suedamerika…

Andrea und Joerg

Naturparadies Costa Rica

23. März 2007

Costa Rica. Die reiche Kueste. Mit hohen Erwartungen passieren wir die Grenze von Nicaragua nach Costa Rica. Durch die vielen Grenzwechsel in den letzten Wochen sind wir mittlerweile im Geldwechseln geuebt und werden von den Horden Geldwechslern nicht mehr voll uebers Ohr gehauen, sondern nur noch ein bisschen. Wir sind ueberrascht. Alles scheint viel sauberer zu sein als in den anderen Laendern Zentralamerikas, Mexiko eingeschlossen. Kaum Muell liegt am Strassenrand und ab und zu sieht man sogar Leute ihren Rasen maehen. So was haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Ueberrascht sind wir aber auch von den Strassen in Costa Rica. Bis auf wenige Ausnahmen sind sie viel schlechter, schmaler und meist ohne Seitenstreifen als in den vermeintlich weniger entwickelten Laendern wie z.B. El Salvador, Honduras oder Nicaragua. Entlang der zentralen Westkueste muessen wir uns sogar auf 40 Kilometern ueber eine Waschbrett-Ruettelpiste der uebelsten Art mit dicken Wackersteinen quaelen. Jeder anstaendige Wanderweg in Deutschland ist besser. Wer an dieser Strasse wohnt, muss Staubwischen als Hobby haben. Zum Glueck muessen wir nicht wie von anderen Radreisenden gehoert einen Fluss furten, denn Krokodile gehoeren zur Grundausstattung eines jeden groesseren Flusses hier. Durch den vielen Staub sehen wir am Abend auf jeden Fall aus wie paniert.

Einen treuen Begleiter haben wir auch jenseits der Grenze: Den Gegenwind. Vor allem im trockenen Norden Costa Ricas hat er uns auf eine harte Probe gestellt. Teilweise wurden wir durch den Gegenwind einfach so von der Fahrbahn geweht. Gefaehrlich wurde es vor allem durch die Scherwinde ueberholender LKWs. Im Norden Costa Ricas gibt es viele Bananen-Felder. Durch den starken Gegenwind dort wissen wir jetzt wenigstens, warum die Banane krumm ist…
Auffallend ist in Costa Rica auch der viele Verkehr, der sich ueber die meist schlechten und engen Strassen quaelt. Man merkt, dass Costa Rica wohlhabender ist als seine Nachbarlaender, denn hier haben viele Privatleute PKWs, die sie gerne und viel nutzen. Den Wohlstand verdankt das Land vor allem seinen Exportschlagern Bananen und Kaffee. Aber auch der Tourismus spielt in der Wirtschaft des Landes eine sehr grosse Rolle. In manchen Gegenden sind mehr Hinweisschilder auf englisch als auf spanisch zu lesen. Viele Nordamerikaner kaufen Land und Haeuser und machen Costa Rica zu ihrem Ruhestandswohnsitz. Auch haben viele Deutsche in Costa Rica ihre neue Heimat gefunden und Restaurants oder Hotels eroeffnet. Uns freut der Genuss von frischem Mischbrot oder Weisswuersten mit Brezeln.

Die Kehrseite dieser Entwicklung und des Tourismus ist gut zu sehen. Die Preise sind in Costa Rica viel hoeher als in den anderen Laendern Zentralamerikas, doch die Infrastruktur wie Strassen kommt dem Ansturm der Touristen und dem zunehmenden Autoverkehr der Einheimischen nicht nach. Auch scheint nicht jeder von dem Boom zu profitieren. Obwohl Costa Rica eines der besten Bildungssysteme Amerikas hat und das Gesundheitssystem weit entwickelt ist, sehen wir auch ausserhalb der touristisch interessanten Gegenden Wellblechhuetten. Dennoch: Seit dem Ende des Buergerkrieges 1948 konnte sich das Land entwickeln. Es gibt keine Armee, das Geld steckt die Regierung in Bildung und Gesundheitsvorsorge.

In der Hauptstadt Costa Ricas – San Jose – konnten wir fuer ein paar Tage bei Arnoldo, dem Bruder der Ehefrau eines ehemaligen Arbeitskollegen, bleiben (wir haben auch erstmal ne Weile gebraucht, bis wirs verstanden haben). Ein echter Kontrast zu den sonstigen Bleiben, die wir auf der Reise bisher hatten. Ein ganzes, chices Holzhaus wurde uns zur Verfuegung gestellt. Echter Luxus fuer uns. Dort konnten wir auch fuer ein paar Tage unsere Raeder unterstellen, denn enge Strassen mit vielen steilen Rampen und viel Verkehr machen Radfahren in Costa Rica nicht zu einem Vergnuegen. Mit einem Mietwagen sind wir zu einigen der interessanten Sehenswuerdigkeiten gefahren. Die Hauptsehenswuerdigkeit ist einfach zu finden: Die Natur. Ueber 20% des Landes steht unter Naturschutz. Es gibt viele unberuehrte Ur- und Regenwaelder. Entsprechend vielfaeltig ist Flora und Fauna. Wir sehen einige Tucane. Papageien fliegen ueber unsere Koepfe. Im Palo Verde Nationalpark koennen wir aus naechster Naehe Krokodile , Inguane und Leguane beobachten, unter anderem auch Jesus Christ. Diese Leguan-Art heisst so, weil sie uebers Wasser laufen kann, was uns das ein oder andere Exemplar auch prompt vorfuehrt. Begeistert sind wir jedoch auch von kleinen Viechern wie z.B. Froeschen in den verschiedensten Farben (je bunter desto giftiger). Bei einer Pause mit dem Rad schimpfen Bruellaffen, die direkt ueber uns im Baum sitzen, auf uns ein. Sie sehen nicht nur aus wie im Zoo, sondern riechen auch so…

Auch fuer Liebhaber von Vulkanen hat Costa Rica einiges zu bieten. Zweimal haben wir jedoch Pech. Den Vulkan Irazu sehen wir aufgrund von dichtem Nebel gar nicht, und den Krater des aktiven Vulkans Poas sehen wir nur kurz von der Aussichtsplattform. Dann huellt er seinen tuerkisen Kratersee auch wieder in Wolken. Mehr Glueck haben wir jedoch beim Vulkan Arenal, der zu den 10 aktivsten Vulkanen der Erde gehoert. Hier nehmen wir uns ein – ueberteuertes – Zimmer mit Blick auf den Berg. Auch hier verschwindet der Berg abends hinter dichten Wolken. Doch auch nur die Geraeuschkulisse des staendig aktiven Vulkanes ist beeindruckend. Nachts werden wir durch starke Erruptionen und Ruettelei geweckt. Und um 4 Uhr morgens haben wir sogar Glueck. Von unserem Zimmer koennen wir den Arenal tief rote Lava-Brocken spucken sehen.

Auch die ueppige Vegetation begeistert uns. Im Naturpark Monteverde gehen wir durch dichten Regenwald (und werden auch prompt gewaschen). Unterwegs sehen wir viele Baeume und Pflanzen, die es bei uns in Deutschland maximal als Zierpflanze gibt. Unter anderem riesige Ficus Benjamini (die man zu Hause zu Geburtstagen verschenkt, wenn man nichts besseres weiss). Die Natur in Costa Rica ist bezaubernd. Auf dem Rad muessen wir vor lauter Voegel gucken aufpassen, dass wir nicht im Strassengraben landen…

Hier in Costa Rica feiern wir noch ein besonderes Jubilaeum. Wir fahren den 100.000sten Hoehenmeter in unsere Fahrradcomputer. Waehrend der ein oder andere Radkilometer durch Rueckenwind oder einfache Strecke einfach runtergerutscht werden konnte, muss doch jeder Hoehenmeter hart erarbeitet werden. Durch die mittlerweile lange Strecke zeigen sind nun auch erste Verschleisserscheinungen unseres Materials. Zuerst reisst die Hinterradfelge von Joergs Fahrrad. Zum Glueck waren wir noch nicht allzuweit von San Jose entfernt, so dass wir gut mit dem Bus zurueck zur Hauptstadt fahren und eine neue Felge kaufen und einspeichen lassen konnten. Und auf der Ruettelpiste der Westkueste dann ist eine Halterung einer der Hinterradtaschen ausgerissen. Und ein Plattfuss kam auch noch hinzu. Bisher konnten wir jedoch alle groesseren und kleineren Probleme mit unserer Ausruestung gut meistern.

In einem Supermarkt an der Westkueste dann ein gluecklicher Moment. Andrea findet ein Glass Nutella. Importiert aus Italien und damit bester Qualitaet. Keine Frage. Wir kaufens sofort, ist doch unser Vorrat von gut einem Kilo Nutella, den wir uns noch in Mexiko zugelegt haben, mittlerweile aufgebraucht.

Nach 2 1/2 Wochen verlassen wir Costa Rica auf der Panamericana. Kurz vor der Grenze dann noch eine Schrecksekunde. Irgendein groesseres Insekt fliegt Joerg ins Gesicht und sticht in die Unterlippe. Zwar koennen wir den Stachel schnell entfernen, doch die ganze untere Gesichtshaelfte schwillt ruck-zuck an. Glueck im Unglueck. Ein Krankenhaus ist keine 500 Meter entfernt. Die Aerzte kennen sich mit solchen Problemen aus, kreucht und fleucht doch in Costa Rica jede Menge gefaehrliches Viehzeug rum. 2 Spritzen und fuer die naechsten Tage Medikamente bringen schnell Linderung. Am naechsten Morgen ist die Schwellung weitgehend zurueckgegangen und wir koennen unsere Fahrt fortsetzen. Panama ist das naechste Land auf unserer Reise. Wir sind schon gespannt. Die Messlatte liegt hoch…

Liebe Gruesse

Andrea und Joerg

Nicaragua – ein Land im Aufbruch?

9. März 2007

Nicaragua ist das 7. Land unserer Reise. Bisher ist es das aermste Land, durch das wir gekommen sind. Nicaragua hat dabei eine durch Krieg und Naturkatastrophen gekennzeichnete Geschichte und bestimmte in den 80iger und 90iger Jahren auch die Schlagzeilen in Deutschland mit. Hier mussten die Menschen besonders viel Leid ertragen.

Jahrelang tobte der Buergerkrieg in Nicaragua. Nachdem die jahrzehntelange Somoza-Diktatur immer unverschaemter das Land ausgeraeubert hatte (am Ende gehoerten dem Clan Laendereien in der Groesse von El Salvador), nahm 1978 ein blutiger Buergerkrieg seinen Anfang, an dem am Ende trotz starker Intervention der Amerikaner die Sandinisten unter Daniel Ortega siegreich hervorgingen. Korruption und Vetternwirtschaft waren jedoch auch danach noch an der Tagesordnung. Erst 1990 kam das Land so langsam zum Frieden, doch zwei grosse Naturkatastrophen (ein grosses Erdbeben sowie der Wirbelsturm Mitch 1998) mit jeweils tausenden von Toten haben das Land immer wieder stark zurueckgeworfen.

Daniel Ortega wurde irgendwann abgewaehlt – doch nun ist der ehemalige Anfuehrer der Rebellen wieder da. Im Herbst 2006 ging Ortega – mittlerweile angeblich gelaeutert – als Gewinner der Praesidentschaftswahlen hervor, und dass, obwohl er nur 36% aller Stimmen bekommen hat. Als erstes versucht er nun, seine Macht zu sichern und die Verfassung nach seinem Gusto zu veraendern. Bleibt zu hoffen, dass dem Land ein Rueckschritt erspart bleibt. Als Glueckwunschgeschenk an das Nicaraguanische Volk gab es dagegen just diese Woche einen Tanker voll Benzin von Venezuelas Praesident Hugo Chavez. Zu dumm nur, dass wir noch genuegend Benzin fuer unseren Benzinkocher haben. Die Tankstellen, die wir unterwegs sehen, haben allerdings mit unseren Tankstellen in Deutschland wenig gemein. Am Strassenrand stehen ein paar alte rostige Faesser. Will jemand ein paar Liter Benzin haben, wird mit einem Schlauch Benzin aus dem Fass angesaugt…

Von der hondurianischen Grenze bis zu unserer ersten Station, der Universitaetsstadt Leon, gibt es auf der Strasse extrem wenig Verkehr. Dagegen sehen wir viele Pferdefuhrwerke oder Menschen, die mit ihren Ochsen muehsam Felder durchpfluegen. Auch in Leon gibt es ein SOS Kinderdorf. Die Bürgerkriegsjahre hinterließen im gesamten Land eine prekäre wirtschaftliche Lage. Da es nur in wenigen Städten genügend Schuleinrichtungen gab und viele Familien nicht in der Lage waren, die Schulausbildung ihrer Kinder zu finanzieren, errichtete SOS-Kinderdorf auch Grund- und Sekundarschulen. Beide Schulen sind mittlerweile zu anerkannten Institutionen avanciert und genießen einen ausgezeichneten Ruf. Nachdem der Wirbelsturm Mitch die Region um Leon 1998 verwuestet hatte, wurde ein SOS-Nothilfeprogramm ins Leben gerufen. Dabei wurden Lebensmittel für 11.500 Personen und Medikamente an Spitäler verteilt. Es wurden Notunterkuenfte eingerichtet, in der Kinder und Mütter provisorisch untergebracht werden konnten.

Leon als Stadt hat uns jedoch nicht besonders gefallen. Sie ist unertraeglich heiss und die Hotels sind teuer. Trotzdem finden wir ein nettes Zimmer in einem gemuetlichen Hotel – wie auch eine Gruppe aus Honduras. Die Gruppe ist sowas wie ein Musikverein und macht einen Ausflug ins benachbarte Nicaragua. Morgens beim Fruehstueck packten sie ihre Gitarre aus und sangen hondurianische Volkslieder oder Revolutionssongs. Fuer solche Momente haben wir ein kleines Aufnahmegeraet dabei, was die Maenner nur noch mehr animierte, ihre Songs von Freiheit, Liebe und Revolution noch inbruenstiger zu singen. Am naechsten morgen kommen sie alle an unseren Tisch, um sich zu verabschieden. Nicht ohne den Song „la ultima cancion“ – „das letzte Lied“ zum Besten zu geben.

Nach 2 Tagen radeln im Gegenwind erreichen wir Granada. Die Stadt gefaellt uns sehr gut und so beschliessen wir, 3 Naechte zu bleiben. Granada ist eine von den Spaniern vor mehreren hundert Jahren gegruendete Stadt und trotz vieler Erdbeben, Hurricanes oder Pluenderungen durch Piraten hat es seinen alten kolonialen Charme noch erhalten. Pferdekutschen gehoeren noch heute zum Stadtbild Granadas dazu wie mittlerweile westliche Touristen. Denn Granada ist der touristischste Ort in Nicaragua. Doch von Massentourismus ist keine Spur. Alles geht sehr langsam vor sich, es gibt nur ueberschaubar viele Gringos. Trotzdem ist die Infrastruktur fuer Touristen sehr gut. Hier in Granada gehen wir am ersten Abend lecker essen: Schnitzel mit Pommes sowie Kasseler mit Sauerkraut und Kartoffelpueree. Dazu ein kaltes Bier aus einem Steinkrug. Ein Hauch von deutscher Gastlichkeit weht durch das Lokal von Charly. Nur die Temperaturen von 35 Grad wollen zum Schnitzel nicht so wirklich passen. Charly ist vor ueber 20 Jahren nach Nicaragua ausgewandert. Neben seinem Restaurant (www.charlys-bar.com) widmen er und seine Familie sich Hilfsprojekten in der Gegend. Granada ist eine Partnerstadt von Frankfurt am Main und so kommen viele Sachen hier in Gang. Obwohl das Land im Aufbruch ist, ist dennoch die Armut der Bevoelkerung noch ueberall zu spueren. Die Arbeitslosenquote liegt bei ueber 50% – aber die Arbeits-Kultur hier ist auch anders als in Deutschland. Gearbeitet wird nur, wenn man etwas braucht (z.B. ein Radio oder ein Fernsehgeraet). Hat man das Geld zusammen, gibt man sich erst einmal wieder dem Muesiggang hin. Das Leben hier ist sehr, sehr preiswert und so kommen viele mit ein paar Dollar im Monat aus.

Von Granada machen wir einen Ausflug zum aktiven Vulkan Masaya. In einem der Krater gibt es eine Fledermaushoehle. Die Fledermaeuse sind gegen die austretenden giftigen Daempfe des Vulkans immun und so vor den meisten Feinden geschuetzt. Nur Boa Constrictors halten es hier noch aus und holen sich nachts die eine oder andere Fledermaus. Genug davon gibt es auf jeden Fall. Mehrere Tausend leben in der Hoehle, so unser Guide. Das glauben wir gerne, fliegen die Viecher doch unentwegt um uns herum, ohne uns jedoch zu beruehren. Schlangen sehen wir aber keine und auch ein Erdbeben – taeglich bebt die Erde hier am Vulkan bis zu 20 mal – erleben wir in der Hoehle zum Glueck keines – obwohl sie angeblich erdbebensicher sein soll. Ausprobieren muechten wir es aber nicht. Der anschliessende Blick vom Kraterrand hinunter in den Schlot des Vulkans, hinab zu brodelnder Lava, war beeindruckend. Nicht minder jedoch auch die heftigen Winde mit giftigen und heissen Gasen am Kraterrand. Trotz Gasmasken kein angenehmer Ort, die Augen traenen schnell. Unser Guide ist sichtlich nervoes, ist doch vor wenigen Wochen eine Touristin beinahe in den Krater gestuerzt. Absperrungen oder aehnliches sind in Nicaragua noch Fremdwoerter. Nebenbei koennen wir am Kraterrand die Mondfinsternis beobachten. Doch so faszinierend der Anblick brodelnder Lava war, so schrecklich ist auch die Vergangenheit des Masaya. Waehrend des Krieges wurden viele Kriegsgefangene aus Hubschraubern einfach so in den Vulkan geworfen.

2 Tage spaeter erreichen wir die Grenze nach Costa Rica. Nicht weniger als 5 mal muessen wir unsere Paesse zeigen, hier und da ein paar Dollar zahlen, dann bekommen wir den Ausreisestempel. Adios Nicaragua.

Joerg und Andrea

Auf Kurzbesuch in Honduras

27. Februar 2007

El Amatillo heisst der Grenzort der Panamericana zwischen El Salvador und Honduras. Da wir nicht wissen, ob in erreichbarer Entfernung in Honduras ein Hotel liegt, bleiben wir im Grenzort auf El Salvadorianischer Seite. Da auch diese Grenze kein Ort fuer einen Traumurlaub ist, verkriechen wir uns in unsere Unterkunft, kochen und stellen den Wecker auf 6 Uhr, um moeglichst frueh am naechsten Morgen ueber die Grenze zu kommen. Der El Salvadorianische Grenzbeamte ist um kurz vor 7 Uhr auch schon zur Stelle. Sein honduranischer Kollege kommt schnell angelaufen, als er uns 2 Gringos an der Grenze warten sieht. Auch hier laufen die Grenzformalitaeten schnell und unbuerokratisch ab. Wir tauschen ein paar Dollars gegen Lempiras, der Waehrung in Honduras und schon gehts los.

Honduras ist in den letzten Jahrzehnten weitgehend von Kriegen, wie sie in allen Nachbarstaaten tobten, verschont geblieben. Nur 1969 gab es einen kurzen Krieg mit El Salvador, der als Fussballkrieg in die Geschichte einging. Nachdem tausende von Buergerkriegs-Fluechtlingen aus El Salvador nach Honduras unterwegs waren, wurden Aussschreitungen waehrend des WM-Qualifikationsspieles El Salvador – Honduras zum Anlass fuer einen Krieg genommen…

Von Honduras koennen wir jedoch nicht viel berichten. Wir fahren nur durch den aeussersten Sueden des Landes und haben nach 2 Tagen bereits die Grenze zu Nicaragua erreicht. Auch hier sind die Strassen gut ausgebaut und teilweise gibt es sogar einen Radweg. Kein Wunder, fahren doch die meisten Hondurianer noch mit dem Rad umher. Privaten Autoverkehr gibt es nur sehr wenig. Die Spritpreise sind fuer die Leute einfach zu hoch, als dass man sinnlos mit dem Auto fahren wuerde, so man denn eines haette. Die Menschen hier in Zentralamerika haben es nicht leicht. Sie muessen muehsam ihren Lebensunterhalt verdienen, haben aber trotzdem viel Stolz und Lebensfreude.

Auch hier treffen wir wieder 2 „Kollegen“. Sandro und Gabriela kommen mit ihren Raedern aus Brasilien hoch und wollen bis Guatemala. Danach gehts wieder zurueck nach Rio. Ungewoehnlich ist ihr Gepaeck: Neben dem ganzen Rad und Campingkram transportieren sie noch ein Surfboard mit sich…

Das naechste Land auf unserer Reise ist Nicaragua. Besonders hier gibt es eine bewegende Vergangenheit. Doch dazu beim naechsten Mal mehr…

Andrea und Joerg