Es geht nach Hause

Wie heisst es doch so schoen/schrecklich in einem Karnevals-Schlager: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Und weil das eben so ist, geht auch unsere Reise nun zu Ende. Genau genommen, naechstes Wochenende. Ein bisschen mulmig ist uns schon vor der Rueckkehr. Zwar freuen wir uns auf zuhause, auf Freunde, Familie, auf Frau Schmidt. Aber wie wird es sein, wenn nach 2 Wochen keiner mehr unsere ollen Reisekamellen hoeren will, wenn uns alles zu eng, zu vereinnahmend wird, der Alltag langsam wieder einkehrt? Abwechslung werden wir jedoch genug haben. Kaum zuhause, wartet ja schon das naechste Abenteuer auf uns: Wohnungssuche in Frankfurt.

Die letzten 4 Wochen konnten wir uns schon ein wenig an die Zivilisation gewoehnen. Mit Agnes und Thomas durch Patagonien zu ziehen, nicht mehr alleine sein Ding zu machen, war eine schoene Art der Umgewoehnung. Zudem wir dabei noch jede Menge erleben durften.

Die Halbinsel Valdez zum Beispiel. Sie  ist ein Paradies fuer Tierliebhaber. Jetzt, im Fruehling, kommen Wale der Kategorie „Moby Dick“ in die seichten Gewaesser der Halbinsel, um ihre Jungen aufzuziehen und Kraft zu tanken fuer die Reise in die Speisekammern der Antarktis. Selbst vom Ufer aus koennen wir diese riesigen Tiere beobachten, wie sie gemuetlich ihre Kreise im Wasser ziehen. In der Ferne sehen wir einige Wale wie Delphine aus dem Wasser springen. Die meisten Schiffstouren zum beobachen der Wale gehen vom kleinen Fischerdorf Puerto Piramides ab. Bei der letzten Zaehlung wurden hier 100 Einwohner und 600 Wale registriert.

Nicht weniger spektakulaer war unser Besuch in zwei Pinguin-Kolonien. In Puerto Tombo ist die groesste Kolonie von Magellanes-Pinguinen ausserhalb der Antarktis zuhause. Mehr als 300.000 Paare tummeln sich auf einem kleinen Gebiet, man laeuft quasi mitten durch deren Wohnzimmer. Touristen sind fuer sie alte Bekannte, sie lassen sich durch diese merkwuerdigen Zweibeiner nicht gross stoeren. Im Gegenteil. Manchen Pinguin ueberkommt der Entdeckungsdrang und er rennt uns hinterher.

Doch Patagonien ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Man muss sich auf wechselhaftes Wetter und starke Winde einstellen. Die riesigen Entfernungen duerfen einem ebenso wenig ausmachen wie die endlose, monotone Pampa. Auch sollte man Spass am wandern haben. Doch wer Weite, spektakulaere Landschaften, Kontakt zur Natur liebt, der ist hier richtig. Die Attraktionen Patagoniens lassen vor allem die Augen jedes Trekking-suechtigen leuchten: Fitz Roy, Cerro Torre, Perito Moreno Gletscher, Nationalpark Torres del Paine.

Neben leuchtenden Augen gibt es aber auch oft tropfende Nasen. Denn das Wetter als wechselhaft zu bezeichnen ist wohl eher schmeichelhaft. In Patagonien ist eine Wettervorhersage nicht moeglich. Meterologen bekommen hier Depressionen. Das riesige Suedpatagonische Eisfeld – die groesste Eisflaeche ausserhalb der Polregionen – gepaart mit starkem Wind laesst uns alle 4 Jahreszeiten an einem Tag erleben. Kaum ueberlegt man sich, ob man sich nicht im T-Shirt ins naechste Cafe setzen soll, schielt man schon nach der Schneeschaufel. Besonders der Wind setzt uns so manches mal zu. In Asien wuerde man dem Wind laengst Opfergaben darbringen. Am Fusse der weltberuehmten Tuerme im Nationalpark Torres del Paine fegt er so stark, dass aufrecht gehen unmoeglich ist. Wie einen schweren Gueterzug hoert man die starken Windstoesse anrauschen. Es bleibt wenigstens noch genuegend Zeit, sich die Muetze tiefer ins Gesicht zu ziehen, um so die Boehe mit Wuerde zu ertragen.

Wir haben mit dem Wetter noch einigermassen Glueck. Den Fitz Roy sehen wir in seiner ganzen Pracht und auch am Gletscher Perito Moreno weicht anfaenglicher Schneefall der Sonne. Stundenlang stehen wir in gebuehrendem Abstand zur Abbruchkante und sehen, wie Hochhausgrosse Eisbloecke in lautem Getoese in den See stuerzen. Es scheint wohl so etwas wie ein Naturgesetz zu sein, dass die groessten Brocken genau dann in den Gletschersee stuerzen, man sich gerade die Schuhe bindet oder in die andere Richtung guckt. Ueber 5 Kilometer breit und 60 Meter hoch ist der Gletscher an seinem Ende, durch umherfliegende Eisbrocken wurde in den letzten Jahrzehnten schon so mancher erschlagen. Die Besucherterasse ist daher in sicherem Abstand zum Gletscher, der atemraubenden Sicht tut dies keinen Abbruch.

Im Nationalpark Torres del Paine wird unser Aufenthalt allerdings durch 2 Dinge getruebt: Schlechtes Wetter und Agnes Erkaeltung. Lange schon hat sie sich auf die Wanderung in dem beruehmten Nationalpark gefreut, doch dort ist Bett-hueten angesagt, Agnes und Thomas kommen nicht mit in den Park. Letztlich die richtige Entscheidung, denn im Torres fegen die Winde und so mancher Schauer zwingt uns wiederholt in volle Regenmontur. Auch wenn das Wetter ueberschaubar gut war, der Torres durch einen wahren Ansturm von Touristen fast schon zu Tode geliebt wird, die Preise im Park in schwindelerregende Hoehen steigen – mit 50 Euro hatten wir im Park den teuersten Campingplatz unserer gesamten Reise: Gelohnt hat sich die Trekking-Tour durch den Park dennoch. Azurblaue Gletscherseen, Berge, die fast von Meereshoehe auf 3.000 Meter emporsteigen, der betoerende Duft des patagonischen Fruehlings. Trotz widriger Verhaeltnisse sind wir vom Park fasziniert. Wir sehen, wie dutzende Kondore majestaetisch ihre Kreise hoch oben in den Bergen des Torres drehen, immer hoeher aufsteigen. Mit einer Spannweite von bis zu 3,5 Metern ist der Kondor unangefochten der Koenig der Anden. Doch aus der Naehe moechte man sich ihn dann doch lieber nicht ansehen, denn Kondore sind eher haessliche Tiere. Doch welcher Koenig ist schon huebsch anzusehen?

Agnes und Thomas sind wieder auf dem Weg nach Hause, wir verbringen nun noch ein paar Tage in Ushuaia, holen unsere Raeder ab und fliegen nach Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. „Steaks und Tango“. Das ist das Programm bis zum Rueckflug. Dann geht es nach Frankfurt. Die letzten Kilometer nach Hause in Niederfischbach wollen wir per Rad zuruecklegen. Die Jahreszeit scheint gegen uns zu sein, doch noch geben wir die Hoffnung auf 25 Grad und Sonnenschein nicht auf. Am Sonntag, den 4. November, werden wir dann gegen 14:30 zu Kaffee und Kuchen zu Hause einrollen. Also: Sehen wir uns?

Liebe Gruesse und bis bald

Andrea und Joerg

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