Schroffe Schoenheit chilenisch Patagoniens

In Puerto Varaz geht unsere gute Wetterstatistik den Bach runter. Eine Woche Dauerregen. Wiesen und Aecker stehen unter Wasser. Der Regen ist so fein und stark, dass man in wenigen Minuten bis auf die Knochen nass ist. Trotzdem hat hier niemand einen Regenschirm. Eine Muetze tuts auch. Die Menschen hier im Seengebiet rund um Puerto Montt sind an Regen gewoehnt. Boese Zungen meinen sogar, sie wuerden einen Schreck kriegen, wenn sie mal die Sonne zu Gesicht bekommen. Nach einigen Tagen des Abwartens juckt es uns aber doch und wir satteln unsere Bikes. Die Insel Chiloe wollen wir noch besuchen. Trotz Plastiktueten in den Schuhen und ueber den Handschuhen: Nach 110 Kilometern ist alles durch-nass, man koennte fast meinen, dass Schwimmhaeute zwischen den Fingern wachsen. Nein, so macht Rad fahren keinen Spass. Wir lassen unsere Raeder in einem Hostel und erkunden die Insel ein wenig per Bus und Taxi. Die Mystik der Insel Chiloe koennen wir ein wenig erahnen, die harten Arbeitsbedingungen der Fischer miterleben und so einen Eindruck vom normalen Leben der Chiloten bekommen. Die Insel Chiloe hat zweifelsfrei auch bei Regen etwas. Wir sind aber trotzdem froh, als wir unser Schiff nach Patagonien betreten und so dem schlechten Wetter davonfahren.

Die Puerto Eden ist ein Transportschiff, das einmal die Woche von Puerto Montt im Norden Patagoniens nach Puerto Natales im Sueden Patagoniens faehrt. 4 Tage und Naechte dauert die Schiffsreise. Von Kreuzfahrtatmosphaere keine Spur, denn das Schiff ist in erster Linie ein Cargo-Schiff, das aber auch Passagiere mitnimmt. Entgegen unseren Befuerchtungen sind keine LKW-Ladungen Rinder an Bord. Geruchsmaessig haben wir also schoene Tage an Bord hinter uns. Und auch wetter-maessig. Die Fjorde Patagoniens koennen wir bei schoenstem Wetter an Deck mit dem rauen Charme des Cargoschiffes geniessen, fahren durch einen Fjord, in dem kleine Eisberge treiben, sehen Delphine und machen uns beim patagonischen Bingo zum Affen. Die meiste Zeit fuehrt die Route durch die patagonischen Kanaele, geschuetzt vom offenen Pazifik. Doch etwas mehr als 12 Stunden geht es dann doch uebers offene Meer. Unser Schiff schwankt im schweren Seegang, diskret kann man Uebelkeitstabletten bekommen. Auch wenns eine vergleichsweise ruhige Ueberfahrt ist, beim Abendessen ist es in der Kantine deutlich leerer und am morgen werden die Geschichten erzaehlt, wer wie lange den Klo aufsuchen musste. Andrea kann bei diesen Geschichten fleissig mitreden.

Jetzt in der Nebensaison sind nur wenige Fahrgaeste an Bord, es kommt schnell eine familiaere Atmosphaere auf. Die meisten Reisenden sind Langzeittraveller, reisen ein Jahr um die Welt oder 6 Monate durch Suedamerika. Am Ende der 4 Tage kommt dann unweigerlich der Abschied von den eben erst kennengelernten Menschen. Eine Sache, die uns auf der ganzen Reise immer schwer gefallen ist.

Direkt vom Schiff geht es wieder aufs Rad. Wir sind jetzt im Herzland Patagoniens. Politisch gehoert Patagonien Chile und Argentinien. Aber eigentlich gehoert Patagonien dem Wind. Im Sueden Patagoniens verlieren sich die letzten Auslaeufer der Anden in der fast baumlosen Pampa. Der Wind hat so ein leichtes Spiel. Uns aergert er nur wenig. Die Massen an Schafen, die wir entlang unseres Weges sehen, koennen da bestimmt andere Geschichten erzaehlen. Viele haben noch das Winterfell mit der schlechten 80iger Jahre Dauerwellenfrisur auf ihren Rippen, doch einige rennen auch schon ziemlich nackt umher. Schafscheerer haben jetzt hier in Patagonien Hochsaison. Ein sicheres Zeichen, dass der Fruehling vor der Tuer steht.

Praktisch ist die Post in Patagonien. Von einem Polizisten, der uns anhaellt, bekommen wir die Nachricht, das Evelyne, die schweizer Bergsteigerin, die mit ihrem Fahrrad in Suedamerika unterwegs ist und die wir schon in Mexiko und Guatemala getroffen haben, ebenfalls auf dem Weg nach Punta Arenas ist. Wir schreiben sofort einen kleinen Brief und geben ihm einen Autofahrer mit, der in die Richtung faehrt, wo Evelyne unterwegs sein muesste. Die Antwort kommt schnell zurueck und so entwickelt sich ruck-zuck ein reger Briefwechsel. Andrea verschickt so die Einladung zu ihrem Geburtstag. Hier in Punta Arenas treffen wir sie dann. Genuegend zu erzaehlen gibt es und so wird es ein langer Geburtagsabend.

Feuerland, die groesste Insel Suedamerikas und die letzte Rad-Etappe, liegt in Sichtweite von Punta Arenas. Man kann jetzt sagen, dass wir den groessten Teil der Strecke hinter uns haben. 500 Kilometer noch bis Ushuaia. Ein komisches Gefuehl. Ein sehr komisches Gefuehl.

Wir melden uns wieder vom Ende der Welt

Andrea und Joerg

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