Ushuaia/ Feuerland. WIR HABEN ES GESCHAFFT

WIR HABEN ES GESCHAFFT. Wir sind in Ushuaia, dem Ende der Welt, angekommen. Wenn die Erde eine Scheibe ist, dann duerfte hier ganz in der Naehe der Abgrund sein. Wir gucken mal nach. Doch der Reihe nach.

Punta Arenas verlassen wir an einem sonnigen Morgen. Die Faehre nach Feuerland, der groessten Insel Suedamerikas, faehrt nur einmal am Tag, zur unchristlichen Zeit frueh morgens. Macht nichts, denn so haben wir noch viel von dem schoenen, warmen Fruehlingstag. Wir lassen uns sogar dazu hinreissen, nochmal „in Kurz“ zu fahren. Wie lange schon ist die kurze Radhose nicht mehr zum Einsatz gekommen. Jetzt, auf Feuerland, faehrt sie nochmal eine Ehrenrunde. Wir zelten auf einer Schafweide – nichts aussergewoehnliches, denn Feuerland besteht nur aus Schafsweiden –  und geniessen am Nachmittag bei Kaffee und Kuchen die Aussicht auf die schneebedeckten Berge entlang der Magellan-Strasse.

Doch schon am naechsten Morgen merken wir, dass wir ganz schoen weit suedlich unterwegs sind. Dichte und tiefe Wolken sind unsere Begleiter, kalte Luft pfeift durch die Reisverschluesse. Unterwegs Verkehrsstaus der besonderen Art: Schafe blockieren den Weg. Alle haben einen Termin beim Friseur am naechsten Tag, denn im September ist Hochsaison fuer Schaf-Scherer. Es dauert immer eine Weile, bis wir uns durch 3.000 oder mehr Schafe durchgeklingelt haben und so kommen wir langsamer vorwaerts, als gedacht. In einer kleinen Huette inmitten der windzerzausten Pampa Nordfeuerlands fragen wir bei ein paar Gauchos nach Wasser. Radfahrer zu dieser Jahreszeit sind hier sehr ungewoehnlich, wir werden sofort eingeladen. Am Abend brutzelt ueberm Holzofen – na was wohl – Schaffleisch und die Gauchos, quasi die Frieseurinnung Feuerlands – erzaehlen uns ein wenig von ihrer Arbeit.

Das Wetter verschlechtert sich zusehends. Ein paar Tage spaeter erleben wir einen der haertesten Radtage der gesamten Reise. 5 Grad, Dauerregen und super starker Gegenwind. Mehrmals sind wir kurz davor, die Raeder in den Graben zu werfen, haben keine Lust mehr. Und das so kurz vorm Ziel. Am Abend fragen wir in einem Hostel nach einer Uebernachtungsmoeglichkeit. Eigentlich ist alles ausgebucht, doch die Besitzerin findet irgendwo noch 2 Betten. Wir werden, triefnass wie wir sind, direkt vor den bollernden Holzofen gesetzt und man reicht uns heissen Kaffee, den wir gierig in uns reinschluerfen. Das Hostel ist voll von Arbeitern der hiesigen Oelindustrie, wir sind wohl die beiden einzigen, die nicht rauchen oder laut Musik hoeren. Doch so schlecht die Stimmung am Nachmittag war, so gut ist sie am Abend. Unser Hoehenmesser faellt und faellt, ein sicheres Zeichen, dass gutes Wetter im Anmarsch ist. Da macht es auch nichts, dass wir vor lauter Krach und Gestank die ganze Nacht kaum ein Auge zugemacht haben.

Und tatsaechlich. Keine Wolke truebt den Himmel am naechsten Tag. So koennen wir auch der Landschaft, die hier in der Mitte Feuerlands eher aus der Kategorie „Bock-langweilig“ ist, was schoenes abgewinnen. Nur der Wind laesst nicht locker. Egal. Unsere Stimmung ist praechtig, vielleicht auch, weil wir immer naeher Richtung Tolhuin kommen. Dieser 5-Haeuser-Ort ist eigentlich nicht der Rede wert. Aber hier gibt es eine Baeckerei, von der wir schon vor einigen hundert Kilometern gehoert haben. Wie Heuschrecken fallen wir dort ein und erbeuten 6 Empanadas und 18 Suessstueckchen. Radlerhunger.

Die letzten beiden Tage zeigt sich Feuerland dann von seiner spektakulaeren Seite. Im Sueden der Insel erhebt sich die Darwin Kordilliere, ein Auslauefer der Anden mit bis zu 2.500 Meter hohen Bergen voller Gletscher. Einen letzten kleinen Pass gilt es zu bezwingen. Viel zu kurz, denn eigentlich wollen wir noch gar nicht ankommen. Wie oft haben wir schon von Ushuaia getraeumt, der Name klingt wie Musik in unseren Ohren. Wir sind zu Diavortraegen gepilgert, haben in Reisefuehrern geschmoekert, Bildbaende gewaelzt, sind mit den Finger die Amerika-Karte von oben nach unten entlanggefahren. Immer wieder sind wir in Gedanken zu diesem Ort gekommen. Ushuaia, das Ende der Welt. Wenige Kilometer vor Ushuaia kommt uns dann an einer Skistation ein anderer Radfahrer entgegen. Marijke aus Holland ist gerade gestartet und ueberlegt, ob sie bis 2009 nach Alaska fahren soll. Eine schoene Strecke hat sie da vor sich. Wir beneiden sie ein wenig.

Auch auf den letzten Kilometern schenkt uns der Wind nichts. Doch dann stoppt er auf einmal, dreht sogar und wir bekommen nochmal Rueckenwind. Und was fuer welchen. Die Strasse neigt sich nach unten, die Raeder fangen an zu rollen. Erst leicht, dann immer schneller. Die Landschaft fliegt an uns vorbei. Dann eine Kurve. Wir koennen es kaum fassen, das Ortseingangsschild von Ushuaia steht vor uns. Einfach so, als sei es nichts besonderes. Ein unglaubliches Gefuehl. Wir halten sofort an und machen Fotos. Es zieht uns weiter in die Stadt. Unten am Hafen steht DAS Schild. Schier unendlich oft schon haben wir das Schild auf Bildern von anderen Reisenden gesehen, die die Panamerikana per Rad, Motorrad oder Auto bereist haben. Wenn die Panamerikana eine Ziellinie hat, dann hier. Doch so schnell kommen wir nicht zu unserem Bild. Eine grosse Reisegruppe steht um „unser“ Schild herum und macht Fotos von der Stadt. Wir erregen schnell ihre Aufmerksamkeit. Jemand fragt uns, wo wir herkommen, das laute Staunen macht weitere Leute auf uns aufmerksam, wir stehen schnell im Mittelpunkt. Als wir unsere Geschichte erzaehlen, kriegen wir sogar Applaus. Ziemlich lange. Dann will jeder mit uns auf ein Foto. Das dauert, denn die Gruppe umfasst bestimmt 50 Leute. Nachdem die noch immer Unglaeubigen weitergezogen sind, kommt die naechste Gruppe. Das gleiche Spiel. Schliesslich kriegen auch wir unser Foto, die Radreise ist zu Ende. Ein schoenes Gefuehl, aber auch ein trauriges, denn nun ist Schluss mit radeln. Wir haben unseren Traum gelebt, aber damit ist er eben auch futsch.

Auch wenn es nicht immer einfach war, wir oft geflucht und uns manchmal gefragt haben, was fuer einen Scheiss wir hier eigentlich machen – es war doch eine wunderschoene Zeit, als Nomade durch die Amerikas zu ziehen, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen (wenn er mal gerade nicht von vorne kam), den Sternenhimmel nachts zu bewundern, die Ruhe im Zelt zu geniessen, nach einem anstrengenden Radtag vor dem Zelt zu sitzen, einen Kaffee zu trinken und in die Landschaft zu gucken, die Freiheit unterwegs zu geniessen und zu tun und lassen, was wir wollten. Die Amerikas sind ein wunderschoenes Fleckchen Erde. Jetzt, am Ende der Radtour, erfuellt uns ein tiefes Gefuehl der Dankbarkeit. Es gab Traenen unterwegs. Traenen des Gluecks, aber auch Traenen der Verzweiflung. Doch schon jetzt, kurz nachdem wir das letzte Mal fuer diese Tour von unseren Raedern gestiegen sind, vermissen wir es: das Einrasten der Radschuhe in die Pedale, der Geruch des Zeltes und der Geschmack eines lecker gekochten Abendessens auf dem Benzinkocher. Nun, nach 22.064 Radkilometern, alles vorbei.

Doch nach Hause geht es noch nicht. Am Sonntag kommen Freunde aus Niederfischbach. Mit Agnes und Thomas wollen wir 4 Wochen durch Patagonien reisen, Nationalparks besuchen und viel wandern. Zum radeln konnten wir sie leider nicht bewegen. Unsere Raeder, treue Gefaehrten, stellen wir in Ushuaia unter. Anfang November geht es dann zurueck nach Deutschland. Wieder mit anderen Menschen fuer laengere Zeit unterwegs zu sein, wird auch ein kleines Abenteuer. Wir melden uns also wieder.

Liebe Gruesse

Andrea und Joerg

Eine Reaktion zu “Ushuaia/ Feuerland. WIR HABEN ES GESCHAFFT”

  1. Kanada-Blog » Nach 22.064 Fahrradkilometer: Es ist geschafft.

    […] Sie haben es geschafft. Herzlichen Glückwunsch. Nach 22.064 Fahrradkilometer erreichten die beiden ihr Ziel in Ushuaia in Feuerland. Auch wenn ich mehr oder weniger nur unregelmäßig die Fahrt online verfolgt habe, interessant und informativ waren sie immer. Vielleicht findet man die gemachten Erfahrungen in einem Buch wieder, das wäre schön. […]