Chiles kleiner Sueden – oder sind wir jetzt im Allgaeu?

„I love you my friends“ – noch einmal winkt und ruft er uns entgegen, dann ist er so schnell verschwunden, wie er gekommen ist. Ramon ist Chilene, Radfahrer wie wir. Wenige Minuten zuvor konnten wir es kaum glauben. Auf der Autobahn Richtung Valdivia kommt uns ein Biker mit Gepaeck entgegen. Ein seltener Anblick im Winter. Klar, wir halten an und sind ueberrascht, als uns Ramon direkt mit Namen anspricht. Ueber Google hat er unsere Homepage gefunden und ist ueber unsere Reise bestens informiert. Lange quatschen wir jedoch nicht mit ihm. An der Mittelleitplanke der Autobahn laesst es sich nicht gut ein Plaeuschchen halten. Gefreut hat uns jedoch die Begegnung trotzdem. Anders als die Begegnungen am Tag zuvor, als wir nur Kopfschuetteln ernteten. Die Wettervorhersage versprach einen schoenen Tag. Klar, wir fahren Rad. Doch schnell zog sich der Himmel zu, es fing an zu schuetten. Bei Schneeregen und 3 Grad kurbelten wir 75 Kilometer runter. An einer Autobahnraststaette, an einem heissen Kaffee waermend, ernteten wir nur Bedauern, Kopfschuetteln und Mitleid: Mit dem Fahrrad durch Chile im Winter. „Un poco loco“ – ein wenig verrueckt seien wir. Solche „Mega-Gau-Tage“ haben wir bisher nur wenige gehabt.

Auf der Autobahn Panamericana kommen wir gut vorwaerts Richtung Sueden. In angenehmen Entfernungen gibt es Raststaetten und Unterkunftsmoeglichkeiten. Manchmal fragen wir uns, warum es in Deutschland bei so gutem Autobahnnetz ueberhaupt Radwege gibt. Wo sich jedoch die Gelegenheit bietet, fahren wir von der Autobahn und erkunden das Seengebiet zu Fuessen der Anden. Wir kommen uns vor wie im Allgaeu, nur der Anblick der vielen, perfekt geformten Vulkane passt nicht zu Kuhweiden und Voralpenfeeling. Hier ist das Kerngebiet der deutschen Auswanderer, die Mitte des 18. Jahrhunderts hierhergekommen sind. Die Orte heissen z.B. Fruchtweiler, „Kaffee und Kuchen“ gibt es ueberall und wird von uns gerne in Massen verdrueckt (siehe voerher (antes)/nachher (despues) Bild Nr.38 im aktuellen Ordner) und die Feuerwehr heisst hier noch „Feuerwehr“.

Die Vulkane jedoch begeistern uns besonders. Nachts sehen wir z.B. den Villarrica, einen 2.800 Meter hohen Vulkan, Lava spucken. Wir sind vor Begeisterung komplett aus dem Haeuschen, ansonsten scheint das hier aber niemanden zu interessieren. In den Orten um den Vulkan sind allerdings ueberall Hinweise fuer Evakuierungen zu finden, sollte es sich der Villarrica einmal anders ueberlegen und richtig ausbrechen. Gefaehrlich ist dabei nicht die Lava, sondern Wassermassen durch die in sekundenschnelle schmelzenden Gletscher des Riesen. Zuletzt riss er 1971 tausende Menschen ins Unglueck.

Im Villarrica brodelt die Lava, in Santiago die Volksseele. Schon seit Monaten gehen die Menschen dort auf die Strasse und demonstrieren. Der Grund: Seit Anfang des Jahres fahren die Busse in Santiago nach Fahrplan. Seitdem herrscht erst recht das Chaos. Doch sonst laeuft alles geordnet im Lande ab. Chile ist ein schoenes Land und wir sind froh ueber unsere Entscheidung vor 4 Wochen, durch Chile zu radeln. Ueberrascht sind wir jedoch von der Armut, die wir teilweise vorfinden. Es gibt hier alles zu kaufen, gute Haueser, leckeres Essen und eine gute Infrastruktur. Auf der anderen Seite jedoch leben noch viele Chilenen in einfachsten Verhaeltnissen und haben nur eine Blechhuette als Unterschlupf. Durch den Rohstoffboom ist Chile – reich an Rohstoff – wohlhabender geworden, so dass nach und nach die Regierung Sozialbauten in die Vororte der Staedte baut und so die Armut ein wenig zurueckgedraengt wird. Neben Rohstoffen gibt es noch etwas anderes reichlich in Chile: Fisch. Seit wenigen Jahren ist Chile der weltweit groesste Produzent von Lachs. Unterwegs besuchen wir eine Lachsfarm und staunen, in welchen Massen Lachs hier gezuechtet wird. Der groesste Teil geht nach Japan, doch auch Pelikane und Seeloewen bekommen ihren Anteil: Direkt neben dem Fischmarkt von Valdivia haben sie das gelobte Land gefunden und leben nicht schlecht von den Abfaellen der Fischer.

Aber auch wir bekommen unseren Anteil. So z.B. auch heute Abend: Lachs steht auf der Speisekarte. Die Kueche ruft also. Bis zum naechsten Mal…

Joerg und Andrea

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.