Chile – langes Land am Pazifik

Schnell sind wir die 80 Kilometer nach Santiago, der 6 Millionen Einwohner zaehlenden Hauptstadt Chiles, geradelt. Von dort fahren wir per Bus gute 500 Kilometer Richtung Norden und staunen nicht schlecht. Der Fruehling ist da. Tagestemperaturen ueber 20 Grad und ausschlagende Baeume. Wie schoen. Die Gegend um La Serena ist vom Klima verwoehnt. An 350 Tagen im Jahr scheint hier die Sonne. Niederschlag faellt so gut wie keiner. Ideale Bedingungen, um nachts den Sternenhimmel zu beobachten. Das haben sich wohl auch die Astronomen dieser Welt gedacht und in die Berge riesige Observatorien gebaut. Von einem wurde kuerzlich sogar der erste erdaehnliche Planet irgendwo im Nirgendwo entdeckt. Bis zu 3 Jahre muss ein Astronom warten, bis er fuer eine Nacht an die riesigen Teleskope darf. Die ganze Gegend ist vom Sternenfieber gepackt. Esoterik wabert durch die Luft, an der Panamericana gibt es sogar Landeplaetze fuer UFOs, die hier angeblich regelmaessig Station machen. Wir uebernachten in einer besonderen Unterkunft, einem Sternenhotel. Die zeltaehnlichen Raeume haben alles, incl. Dachluke zum oeffnen fuer das Teleskop. Ein Tuerschloss jedoch sucht man vergeblich. Aliens klauen nicht. Wie verrueckt manche Chilenen auf alles blinkende im Kosmos sind, merken wir, als wir nach einem langen Radtag von Jury und Namcea auf der Strasse angesprochen und eingeladen werden. Beide haben ihre Namen beruehmten Kosmonauten bzw. Astronauten zu verdanken: Jury (Gagarin) sowie Neil Armstrong, Michael Collins und Edwin Aldrin (einfach die Anfangsbuchstaben der Vor- und Nachnamen aneinanderhaengen: Na-Mc-Ea).

Abends besuchen wir ein fuer Touristen geoeffnetes Observatorium. Die Auffahrt erfolgt nur im Konvoi, um die Luftverschmutzung durch Staub der Autos auf der Schotterpiste moeglichst gering zu halten. In der Neumondnacht sehen wir Venus, Jupiter mit 4 Monden, neben der Milchstrasse 2 Galaxien und unzaehlige Satelitten. Nur Mork vom Ork suchen wir vergeblich. Wahrscheinlich war in der Nacht dort oben Flugverbot. Viele Gruesse von E.T. sollen wir trotzdem ausrichten.

Befluegelt von den ersten Fruehlingsboten entscheiden wir uns, durch Chile weiter Richtung Sueden zu fahren, doch so richtig geht die Rechnung noch nicht auf. Unsere gute Wetterstatistik scheint den Bach runterzugehen. Hatten wir in 10 Monaten auf dem Rad gerade mal einen Tag mit starkem Regen, richtet sich nun jeden Morgen der Blick besorgt gen Himmel und unsere Regenklamotten kommen schnell wieder zum Einsatz. Der Winter hier in Chile und Argentinien ist haerter als ueblich – die Regierung in Chile legt sogar Hilfsprogramme fuer Landwirte auf. Trotzdem bleiben wir vorerst in Chile. Es ist kuerzer nach Patagonien und landschaftlich reizvoller. Die ersten Tage haben wir auch Glueck. Bei schoenstem Sonnenschein verlassen wir Santiago de Chile auf der Autobahn. Unser erster Stopp ist der kleine Weinort Santa Cruz. Doch nicht Wein treibt uns dorthin, sondern ein ganz besonderes Musem, das Museum „Colchagua“. Dort gibt es neben lateinamerikanischer Geschichte auch jede Menge alter Autos und Zuege zu bewundern. Der Stifter des gesamten Museums, Carlos Cardeon, sammelt jedoch nicht nur Kunst und anderen Kram, sondern wohl auch internationale Haftbefehle. Er darf Chile nicht mehr verlassen und George Bush kann ihn auch nicht mehr leiden, seit er viele Waffen an den Irak verkauft hat. Das Museum ist also eigentlich politisch nicht korrekt, lohnt aber trotzdem den Besuch.

Chile ist ein sehr merkwuerdiges Land. Weit ueber 4.000 Kilometer lang und an der schmalsten Stelle nur 16 Kilometer breit. Dazu mehr als 2.000 Vulkane, von denen einige noch immer aktiv sind. Ganz oben, in Nordchile, ist seit Jahrzehnten kein Regen gefallen. Dagegen schuettet es im „kleinen Sueden“ umso mehr: Hier faellt – schoen verteilt aufs ganze Jahr – bis zu 15mal so viel Regen wie z.B. in Frankfurt. Die einzige durchgehende Strasse von Nord nach Sued ist die Panamericana. Sie fuehrt als 4-spurig ausgebaute Autobahn Richtung Sueden. Langweilig wird uns allerdings nicht. Im Gegenteil. Unterwegs bekommen wir Gesellschaft. Ausnahmsweise scheint ein wilder Hund Raeder mal cool zu finden – und rennt kilometerweit mit. Wir verlieren unser Herz an das Vieh und ueberlegen schon, ob er sich mit Frau Schmidt, unserer Katze auf Langzeiturlaub, vertragen koennte. Doch ein langer Tunnel, den wir in einem Pick-up der Autobahnmeisterei durchqueren, beendet die Freundschaft so schnell, wie sie entstanden ist. Kurze Zeit spaeter brechen an Joergs Vorderrad einige Speichen wie Grisini in einem guten italienischen Restaurant. Eine Folge des Salzsee-Besuchs in Bolivien. Zwar hatten wir die Raeder sofort einer gruendlichen Waesche unterzogen, nachdem wir den Salar verlassen hatten, doch etwas Salzwasser ist wohl in die Felge gedrungen und nagt so an den Speichennibbeln. Zum Glueck haben wir auch fuer solche Faelle Ersatz dabei. Ein anderes Problem haben wir dagegen schnell im Griff. Nach 20.000 Kilometern haben sich die Bremskloetze unserer Hinterradbremsen in Luft aufgeloest. Eigentlich wollten wir bis Ushuaia nicht mehr bremsen – aber gesuender faehrt es sich mit funktionierenden Bremsen dann doch.

Die Pausentage richten wir nun nach der Wettervorhersage aus. Bei Sonne steigt das Quecksilber zwar sogar in 2-stellige Bereiche, aber bei Regen kommt es kaum ueber 8 Grad hinaus. Zeit, um ein paar Regentage auszusitzen, haben wir noch. Von Puerto Montt werden wir eine Faehre hinunter ins suedliche Patagonien nehmen und von dort die restlichen Kilometer nach Ushuaia radeln.

Hier im sogenannten „kleinen Sueden“ Chiles sind die deutschen Einfluesse deutlich spuerbar. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es eine regelrechte Schwemme von Auswanderern, die ihre Kultur zum grossen Teil noch behalten haben. Aber auch in den letzten 20 Jahren haben viele Deutsche und Schweizer den Sprung auf die Suedhalbkugel nach Chile gewagt und bauen sich hier eine neue Existenz auf. Es gibt jede Menge deutsche Schulen und – wie schoen – Baeckereien wie „Omas Brot“. In Temuco uebernachten wir bei einer deutsch-chilenischen Familie, die wir schon auf den Galapagos-Inseln kennengelernt haben. Pan-Americana mit Familienanschluss….

Liebe Gruesse – Bilder gibt es wieder beim naechsten Mal

Andrea und Joerg

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