Kuehlschrank Bolivien

Von der peruanisch/ bolivianischen Grenze am Titicacasee erreichen wir in 2 Tagesetappen La Paz, die groesste Stadt Boliviens. Die Einfahrt in die Millionen-Metropole ist ein besonderes Erlebnis. Der Altiplano steigt leicht, aber stetig auf knapp 4.100 Meter an, von der Stadt La Paz ist weit und breit nichts zu sehen. Doch dann steht man am oberen Rand eines gigantischen Talkessels, unter sich die Stadt und am Horizont der ueber 6.000 Meter zaehlende Hausberg Illimani. Die 12-Kilometer-Abfahrt in die Stadt ist ein Fest, zudem wir Jubliaeum feiern: Genau 17.000 Kilometer stehen auf dem Tacho, als wir ins Zentrum einrollen.

Nach ein paar Tagen ausruhen, organisieren und Stadt-Besichtigung – unter anderem besuchen wir den Hexenmarkt, wo es Lamafoeten zu kaufen gibt – geht es dann weiter Richtung Sueden. Uyuni im Suedwesten ist unser naechstes grosses Ziel. Die ersten 300 Kilometer dorthin sind geteert und gut zu fahren. Nicht zu uebersehen ist jedoch die Armut in den Doerfern, die wir unterwegs passieren. An einem Nachmittag sieht es nach Regen aus, und das, obwohl wir Trockenzeit haben. Wir beschliessen, sicherheitshalber nach einer Unterkunft Ausschau zu halten und finden eine Einfachst-Unterkunft. Es sind keine Wanzen oder sonstigen Tiere in den abgehalfterten Betten – also alles O.K. Als wir bei der Frage nach einer Toilette jedoch wie selbstverstaendlich die Strasse gezeigt bekommen, beschliessen wir, doch weiterzusuchen. In einem anderen Ort werden wir ausgelacht, als wir nach einem Ort fuer unseren Muell suchen. „Einfach auf die Strasse werfen“ heisst es ohne mit der Schulter zu zucken. Die Menschen hier oben auf dem Altiplano muessen in einfachsten Verhaeltnissen leben. Fliessendes Wasser gibt es nur stundenweise, eine sichere Stromversorgung bleibt ein Traum. Viele Orte kommen uns trostlos vor, es riecht nach Urin an den Hauswaenden. Trotzdem machen die Menschen einen zufriedenen Eindruck und sind freundlich.

Als wir von Oruro, einer groesseren Stadt auf halbem Wege, weiterfahren wollen, ist die ganze Stadt abgesperrt. Generalstreik. Nichts geht mehr. Die Marktfrauen freuen sich, denn so koennen sie fuer ihre Staende auch die Bahngleise nutzen. Doch sie haben ihre Rechnung ohne den lokalen Lokfuehrer gemacht. Als Streikbrecher bahnt er sich mit seinem Zug laut pfeifend den Weg durch die Strassen von Oruro. Wir kommen mit unseren Raedern gut um die Strassenblockaden herum und sind recht schnell auf der Hauptstrecke nach Uyuni.

Die schoen geteerte Strasse geht bald in die uebelste Piste ueber, die wir bisher gefahren sind. Trotz starkem Rueckenwind koennen wir teilweise nur 10 KM/H fahren. Wellblechpiste so weit das Auge reicht. Zudem ist die Strecke sehr versandet, wir muessen unsere Raeder oft durch tiefen Sand schieben und zerren. Einige Fluesse sind zu queren, d.h. Schuhe aus, Socken aus, Hose hochkrempeln und durch das eisige Wasser schieben. Auch die parallele Bahnstrecke ist keine wirkliche Alternative, denn auch hier ueberall tiefer Sand. Irgendwann hoert die Piste ganz auf, jeder sucht sich seine eigene Fahrspur auf dem topfebenen Altiplano. Der starke Rueckenwind entwickelt sich zu einem Sturm. Kurz bevor es dunkel wird, geben wir die Suche nach einem Schutz fuer unser Zelt auf und campen auf freier Flaeche. Die einzige Erhebung weit und breit ist ein Haufen Lamamist. Zum Glueck haben wir genuegend Vorraete dabei, u.a. auch immer 15-20 Liter Wasser. Die Gepaecktraeger aechtzen unter der Last. Auf unser Material koennen wir uns jedoch verlassen. Ebenso auf die Temperaturen nachts, denn die werden auf dem Altiplano jetzt im Winter eisig: 5,4,3,2 – kurz nach Sonnenuntergang koennen wir zusehen, wie das Thermometer in eisige Tiefen faellt. Nachts haben wir bis zu -15 Grad. Eine Tuete Milch, sonst ein sicherer Kandidat fuer den Kuehlschrank, findet ihren Platz dicht bei unseren Schlafsaecken. Morgens ist unser Zelt aussen und innen tief gefroren. „Alles an“ ist die Devise.  Auf dem Salar de Uyuni liegen wir mit allen Klamotten incl. Regensachen in unseren Schlafsaecken. Der Salar de Uyuni ist mit 12.000 qkm der groesste Salzsee der Erde. Jetzt in der Trockenzeit ist das Salz fest, Autos, LKWs, Busse fahren auf ihm wie auf einer Strasse. Ein unbeschreibliches Gefuehl, als wir mit unseren Raedern auf den Salar rollen. Schnell sind wir mitten auf dem schier endlosen Weiss. Es knistert unter unseren Raedern. Der See ist von Hexagons ueberzogen, wir rollen einfach dahin. Das Wuerzen unseres Abendessens geht schnell: Einmal hinter sich greifen und schon ist die Suppe versalzen. 

Am naechsten Tag setzen wir zur Schlussetappe an und erreichen nach 240 Kilometern Piste endlich Uyuni. Schon seit einigen Tagen traeumen wir von der Pizzeria Minuteman, die wir schon von unserem letzten Besuch in Bolivien vor knapp 5 Jahren kennen. Der grossen Liebe wegen ist der Amerikaner Chris nach Uyuni gezogen und backt nun die beste Pizza Suedamerikas und andere Leckereien. Als wir Uyuni am Nachmittag erreichen, riecht es schon aussen nach Gebaeck. Es gibt Schokoladenkekse. Und was fuer welche. Frisch aus dem Backofen. Bolivien ist ein schoenes Land.

Von Uyuni fahren wir per Bus nach Sucre, um das dortige SOS Kinderdorf zu besuchen (siehe extra Bericht). Unterwegs halten wir in Potosi, die mit 4.100 Meter hoechste Grossstadt der Welt. Die Stadt verdankt ihre Bedeutung dem kegelfoermigen Hausberg Berg Cerro Rico. Im 16 Jahrhundert wurden dort grosse Mengen an Silber gefunden und seit dem wird der Berg ausgehoelt. Mittlerweile hat er mehr Loecher als ein Schweizer Kaese. Waehrend der Kolonialzeit war Potosi die groesste Stadt der Welt. Die spanischen Besatzer haben hier ganze Arbeit geleistet und den Berg und die Menschen systematisch ausgebeutet. Der Grossteil des spanischen Reichtums kam waehrend dieser Zeit aus dem Cerro Rico. Ueber 8 Millionen Indigenas verloren im Berg unter unmenschlichen Bedingungen ihr Leben. Auch heute noch aehneln die Arbeitsbedingungen eher denen im 18. Jahrhundert. Immer noch arbeiten ueber 8.000 Arbeiter in 220 Minen, darunter viele Kinder. Ab dem 11. Lebensjahr faengt die Karriere im Berg an, nach spaetestens 20 Jahren hoert sie mit Staublunge auf. Bis dahin muss genuegend Geld verdient werden, denn die Rente der Kooperativen ist sehr gering. Dank der gestiegenen Rohstoffpreise der letzten Jahre ist jedoch das Einkommen der Minereros gestiegen. Bis zu 80 Euro wird so pro 6-Tage-Woche verdient. Gegraben wird teilweise noch mit Hammer und Meissel. Unmengen Coca-Blaetter in den Backen der Arbeiter lindern den Schmerz und machen die Temperaturen von bis zu 35 Grad im Berg vergessen. Auch wir haben immer einen Beutel Coca-Blaetter dabei und kochen uns abends Coca-Tee gegen die Kaelte. Coca-Blaetter bekommt man an jeder Ecke in rauen Mengen. Waschbenzin fuer unseren Kocher dagegen nirgends. Da Waschbenzin fuer die Herstellung von Kokain benoetigt wird, ist der Verkauf untersagt.

Zurueck in Uyuni treffen wir wiedermal Thomas. Der Freiburger ist ebenfalls mit dem Rad unterwegs und faehrt von Vancouver nach Ushuaia. Bereits in Kalifornien und Guatemala haben wir ihn getroffen. Nun also in Uyuni. Natuerlich beim Minuteman. Viel zu erzaehlen gibt es auf jeden Fall und so wirds ein langer und kurzweilger Abend.

Nach gut 5 Wochen und gut 1.300 geradelten Kilometern in einer Hoehe von mehr als 3.500 Meter reicht uns die Hoehenluft. Wir freuen uns auf dicke Luft und auf Argentinien. Mit Argentinien und Chile erreichen wir damit die letzten beiden Laender unserer Reise. Trotzdem kann von Endspurt noch keine Rede sein. Bis zu unserem Ziel Ushuaia in Feuerland sind es noch gut 4.500 Kilometer, also in etwa die Strecke Deutschland – Kasachstan. Also setzen wir uns besser mal wieder auf unsere Raeder und machen Strecke.

Bis bald

Andrea und Joerg

Eine Reaktion zu “Kuehlschrank Bolivien”

  1. Joe Martin

    Hallo Andrea und Jörg,
    17.000 km (!!) habt ihr bereits abgeradelt! Das ist ja wirklich ein Grund zum Gratulieren: Glückwunsch! Bin absolut begeistert.
    Und nochwas: Also Eure Fotos sind umwerfend. Absolut professionell. Super Aufnahmen von kleinen Motiven, atemberaubende Panaroma-Bilder und man erkennt den liebevollen Blick für die kleinen schönen Sachen.
    Whouh! Bin sehr beeindruckt.
    Viele Grüße
    Joe

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