Das Buch zur Reise

15. Juni 2009
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Neues aus Frankfurt

16. April 2008

lange ist´s her, seitdem wir uns das letzte Mal gemeldet haben. Mittlerweile haben wir unsere Fahrradsättel wieder gegen BĂĽrostĂĽhle getauscht, der Alltag hat uns wieder. Und auch Frau Schmidt hat sich wieder eingelebt…

Seit ein paar Wochen haben wir nun sogar auch wieder Telefon. Wer unsere Kontaktdaten (Adresse, Telefonnummer) haben möchte, schreibt uns bitte kurz eine e-mail.

Wir werden häufig gefragt, was mit der Seite www.pan-america.de passiert. Sie wird auch in den nächsten Monaten noch online bleiben. Mitterweile gab es sogar ein update: Seit ein paar Tagen sind sämtliche Artikel der Siegener Zeitung, alle TV-Auftritte und die meisten Radio-Interviews online. Ihr findet sie auf unserer Homepage unter “Medienberichte”.

Wenn ihr Lust und Zeit habt: Am Sonntag, den 20. April, kommt von 10 bis 13 Uhr auf RPR1 die Sendung “Mein Abenteuer”. Dort wird ausfĂĽhrlich ĂĽber unsere Reise berichtet.

Als nächstes steht nun an, einen Diavortrag für Herbst/ Winter zu erstellen. Wenn wir konkrete Termine haben, teilen wir Sie Euch mit.

Bis dahin wĂĽnschen wir Euch eine gute Zeit
Andrea und Jörg

Wieder zuhause

21. November 2007

O.K., die Rechnung ging nicht auf. 25 Grad und Sonnenschein im deutschen November – wir geben zu, hier ist die Hoffnung ein wenig mit uns durchgegangen. „Trübes, regnerisches Novemberwetter“, das wars, was uns in den ersten zwei Wochen hier in Deutschland erwartete. Schon beim Landeanflug in Frankfurt wurde uns gezeigt, wo der Hammer – oder besser gesagt, die Wolken – hängen. Nun gut. Aber es gibt sie auch noch in Deutschland. Die Sonne. Wir haben sie schon gesehen. Also, alles halb so schlimm.

Doch der Reihe nach. Nach unserem Abschied von Thomas und Agnes in Patagonien sind wir noch für eine Woche nach Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien, gefahren. Der Klimaunterschied zu Patagonien hätte nicht krasser sein können: Von 2 Grad und leichtem Schneefall zu 28 Grad und Sonne. Eine Wohltat. So wundert es auch nicht, dass sich das Leben in Buenos Aires auf der Strasse in den unzähligen Cafes, Restaurants und auf den Plätzen abspielt. Ein schöner Abschluss unserer Reise. Wir taten es den Einwohnern gleich und hingen in Cafes ab bis zum abwinken. Zum Pflichtprogramm gehörten jedoch auch der Besuch des Stadions der Boca Juniors (dem Verein der argentinischen Diva Maradonna), ein Besuch bei Evita (die rennt ja nicht weg – auf ihrem Friedhof in Recoletta ist sie der Besuchermagnet) und natürlich Steaks und Tango. Letzterer wird - alle Klischees bedienend - sogar noch immer auf den Strassen der Metropole getanzt. Buenos Aires mit seinen alten Häusern, noch älteren Autos, grünen Alleen, charmanten Cafes, der gemütlichen, ruhigen Atmosphäre, den Parks – für uns mit die schönste Stadt auf der gesamten Reise. In Buenos Aires lernten wir jedoch auch die vielleicht ungewöhnlichste Berufsgruppe unserer Reise kennen: Die Sargabstauber des Recoletta Friedhofes. Dort sind die Gräber nicht unterirdisch, sondern die Särge liegen in großen, teils monumentalen Gebäuden überirdisch. Meist kann man durch eine Tür ins Innere der Ruhestätten kommen. Mehr als ein dutzend Arbeiter ziehen mit Staubwedeln bewaffnet über den Friedhof und stauben die teils über 100 Jahre alten Särge ab. Angst habe sie keine, berichtet uns eine zierliche Frau mit Staubwedel. Nur nachts sei es unheimlich, aber wenigstens sei es schön ruhig.

Eine Maschine der Lufthansa katapultierte uns dann nach 13-stündigen Flug zurück in die deutsche Realität. Am Flughafen war – wie von uns gewünscht – kein großer Bahnhof. So konnten wir wenigstens ein wenig in Ruhe in Deutschland ankommen und für unsere wirklich letzte Fahrradetappe noch einmal richtig ausschlafen. Vorletzten Sonntag hieß es dann zum letzten Mal die Räder bepacken, die Klickis einrasten lassen und mit leichtem Schwung die Räder ans laufen bringen. Viel zu schnell kamen wir vorwärts und die ausgesuchte Strecke nach Niederfischbach war viel zu kurz. Dieses dahinrollen, durch schöne Landschaften fahren, sich an der frischen Luft bewegen – ein wenig Wehmut kroch in uns hoch. In Kirchen – einer Stadt 10 Kilometer von Niederfischbach entfernt – wollten wir dann noch etwas Zeit aussitzen. Schließlich hatten wir uns erst für 14:30 zum Kaffee trinken angemeldet und zu früh zu kommen, das erschien uns als unhöflich. In Kirchen war zufällig Stadtfest. Viele Leute erkannten uns, ein merkwürdiges und schönes Gefühl, auch von einigen Fremden auf unsere Tour angesprochen zu werden. Der Grund war einfach: Die Siegener Zeitung hatte in 38 meist ganzseitigen Artikeln über unsere Radreise berichtet.

Doch der richtige Empfang stand uns da noch bevor. Viele Freunde kamen uns per Rad entgegen, die wirklich allerletzten Kilometer fuhren wir im großen Konvoi. Unterwegs mussten oder besser gesagt durften wir immer wieder anhalten, weil Freunde oder Interessenten am Wegesrand auf uns warteten. So wurden aus 20 Minuten gedachter Fahrzeit 2 Stunden – zum Kaffee trinken kamen wir also viel zu spät. Egal. Schließlich kommen wir ja direkt aus Südamerika, wo pünktlich kommen eh ziemlich uncool ist. Von dem Empfang waren wir wirklich überwältigt. Familien, Freunde (sogar aus Schweden extra angereist), Nachbarn, Bekannte und Unbekannte – alle waren sie da. Ein großes „Hallo“, für uns ein Volksfest.

Neben der Siegener Zeitung sind noch andere Medien auf uns aufmerksam geworden: Rhein-Zeitung, Radio Siegen, SWR1 und SWR4, SAT1. Eine für uns unglaubliche Reise hatte ein ebenso unglaubliches Ende gefunden. Lange saßen wir an dem Nachmittag noch mit vielen Leuten zusammen. Dabei kam uns die Tour im Rückblick gar nicht so lange vor, eher wie ein normaler Jahresurlaub. Doch als uns Freunde ihren 3-monatigen Sohn entgegenhielten, von dessen Existenz wir gar nichts wussten, da war uns schon klar, dass wir doch länger unterwegs gewesen sein mussten…

Viele sind auf der Panamericana quasi vor dem Computer mitgefahren oder haben uns immer in der Zeitung verfolgt. Bei Rückenwind und einfacher Strecke zu fahren, war immer einfach. Aber auch wenn die viele Zustimmung und Unterstützung keinen Berg flacher und keinen Gegenwind schwächer gemacht hat, sie hat uns doch in so manchen schwierigen Situationen geholfen, uns zum weitermachen animiert und auch ein Stück weit getragen. Dass wir es bis unten hin geschafft haben, liegt auch an EUCH. Dafür vielen Dank.

Einen betont frostigen Empfang bescherte uns hingegen Frau Schmidt, unsere Katze. Die letzten 18 Monate war sie bei Jörg (Andreas Bruder) und seiner Freundin Puri auf Langzeiturlaub. Doch von Wiedersehensfreude auf Seiten Frau Schmidts keine Spur. Wir mussten uns schon zum streicheln hinter diverse Schränke oder unter Betten und Sofas bewegen. Selbst für ein Fotoshooting war Frau Schmidt nicht zu begeistern. Aber, wir sind geduldig und geben nicht auf. Irgendwann wird auch Frau Schmidt gnädig und zeigt vielleicht wenigstens einen Anflug von Wiedersehensfreude. Wenn ihr übrigens Frau Schmidt mal eine Aufheiterungsmail schreiben wollt: Sie ist seit neuestem im World-Wide-Web aktiv. Zumindest per e-mail Adresse: frauschmidt@pan-america.de

Was hat sich getan hier in der alten Heimat? Nicht viel eigentlich. Die Strassen sind enger und die Häuser kleiner geworden (das muss eine Menge Arbeit gewesen sein). Und die Kinder natürlich größer. Ansonsten geht alles seinen gewohnten Gang, es scheint sich wenig verändert zu haben. An den Alltag gewöhnt man sich schnell, so richtig angekommen sind wir jedoch noch nicht. Wenig Bewegung, kurze Tage, graues Wetter, kein eigenes Zuhause, Wohnungssuche in Frankfurt. Die Freiheit weicht langsam wieder kleineren und größeren Verpflichtungen. Wegfahren ist einfach, nach Hause kommen dagegen schwieriger.

Wir werden oft gefragt, was wir von der Reise auĂźer knapp 10.000 Bildern und jede Menge Erinnerungen noch mitgenommen haben. Eine schwierige Frage. Unter anderem jedoch ganz bestimmt eines: Keine noch so groĂźe Aufgabe ist zu groĂź. Man muss sich nur auf den Weg machen.

Und so machen wir uns auf den Weg zurĂĽck in die deutsche Zivilisationsgesellschaft. Die Wohnungssuche in Frankfurt gestaltet sich schwierig, aber 6 Wochen Zeit haben wir ja noch, bis uns auch der Arbeitsalltag wieder einholt. Eine Traum-Zeit geht so langsam zu Ende.

Unsere Homepage bleibt ĂĽbrigens aktiv. Wir werden bestimmt ab und zu ĂĽber Neuigkeiten berichten und sind auch schon gespannt, was sich noch alles entwickelt.

Bis dahin eine gute Zeit

Jörg und Andrea

Es geht nach Hause

27. Oktober 2007

Wie heisst es doch so schoen/schrecklich in einem Karnevals-Schlager: “Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei”. Und weil das eben so ist, geht auch unsere Reise nun zu Ende. Genau genommen, naechstes Wochenende. Ein bisschen mulmig ist uns schon vor der Rueckkehr. Zwar freuen wir uns auf zuhause, auf Freunde, Familie, auf Frau Schmidt. Aber wie wird es sein, wenn nach 2 Wochen keiner mehr unsere ollen Reisekamellen hoeren will, wenn uns alles zu eng, zu vereinnahmend wird, der Alltag langsam wieder einkehrt? Abwechslung werden wir jedoch genug haben. Kaum zuhause, wartet ja schon das naechste Abenteuer auf uns: Wohnungssuche in Frankfurt.

Die letzten 4 Wochen konnten wir uns schon ein wenig an die Zivilisation gewoehnen. Mit Agnes und Thomas durch Patagonien zu ziehen, nicht mehr alleine sein Ding zu machen, war eine schoene Art der Umgewoehnung. Zudem wir dabei noch jede Menge erleben durften.

Die Halbinsel Valdez zum Beispiel. Sie  ist ein Paradies fuer Tierliebhaber. Jetzt, im Fruehling, kommen Wale der Kategorie “Moby Dick” in die seichten Gewaesser der Halbinsel, um ihre Jungen aufzuziehen und Kraft zu tanken fuer die Reise in die Speisekammern der Antarktis. Selbst vom Ufer aus koennen wir diese riesigen Tiere beobachten, wie sie gemuetlich ihre Kreise im Wasser ziehen. In der Ferne sehen wir einige Wale wie Delphine aus dem Wasser springen. Die meisten Schiffstouren zum beobachen der Wale gehen vom kleinen Fischerdorf Puerto Piramides ab. Bei der letzten Zaehlung wurden hier 100 Einwohner und 600 Wale registriert.

Nicht weniger spektakulaer war unser Besuch in zwei Pinguin-Kolonien. In Puerto Tombo ist die groesste Kolonie von Magellanes-Pinguinen ausserhalb der Antarktis zuhause. Mehr als 300.000 Paare tummeln sich auf einem kleinen Gebiet, man laeuft quasi mitten durch deren Wohnzimmer. Touristen sind fuer sie alte Bekannte, sie lassen sich durch diese merkwuerdigen Zweibeiner nicht gross stoeren. Im Gegenteil. Manchen Pinguin ueberkommt der Entdeckungsdrang und er rennt uns hinterher.

Doch Patagonien ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Man muss sich auf wechselhaftes Wetter und starke Winde einstellen. Die riesigen Entfernungen duerfen einem ebenso wenig ausmachen wie die endlose, monotone Pampa. Auch sollte man Spass am wandern haben. Doch wer Weite, spektakulaere Landschaften, Kontakt zur Natur liebt, der ist hier richtig. Die Attraktionen Patagoniens lassen vor allem die Augen jedes Trekking-suechtigen leuchten: Fitz Roy, Cerro Torre, Perito Moreno Gletscher, Nationalpark Torres del Paine.

Neben leuchtenden Augen gibt es aber auch oft tropfende Nasen. Denn das Wetter als wechselhaft zu bezeichnen ist wohl eher schmeichelhaft. In Patagonien ist eine Wettervorhersage nicht moeglich. Meterologen bekommen hier Depressionen. Das riesige Suedpatagonische Eisfeld - die groesste Eisflaeche ausserhalb der Polregionen - gepaart mit starkem Wind laesst uns alle 4 Jahreszeiten an einem Tag erleben. Kaum ueberlegt man sich, ob man sich nicht im T-Shirt ins naechste Cafe setzen soll, schielt man schon nach der Schneeschaufel. Besonders der Wind setzt uns so manches mal zu. In Asien wuerde man dem Wind laengst Opfergaben darbringen. Am Fusse der weltberuehmten Tuerme im Nationalpark Torres del Paine fegt er so stark, dass aufrecht gehen unmoeglich ist. Wie einen schweren Gueterzug hoert man die starken Windstoesse anrauschen. Es bleibt wenigstens noch genuegend Zeit, sich die Muetze tiefer ins Gesicht zu ziehen, um so die Boehe mit Wuerde zu ertragen.

Wir haben mit dem Wetter noch einigermassen Glueck. Den Fitz Roy sehen wir in seiner ganzen Pracht und auch am Gletscher Perito Moreno weicht anfaenglicher Schneefall der Sonne. Stundenlang stehen wir in gebuehrendem Abstand zur Abbruchkante und sehen, wie Hochhausgrosse Eisbloecke in lautem Getoese in den See stuerzen. Es scheint wohl so etwas wie ein Naturgesetz zu sein, dass die groessten Brocken genau dann in den Gletschersee stuerzen, man sich gerade die Schuhe bindet oder in die andere Richtung guckt. Ueber 5 Kilometer breit und 60 Meter hoch ist der Gletscher an seinem Ende, durch umherfliegende Eisbrocken wurde in den letzten Jahrzehnten schon so mancher erschlagen. Die Besucherterasse ist daher in sicherem Abstand zum Gletscher, der atemraubenden Sicht tut dies keinen Abbruch.

Im Nationalpark Torres del Paine wird unser Aufenthalt allerdings durch 2 Dinge getruebt: Schlechtes Wetter und Agnes Erkaeltung. Lange schon hat sie sich auf die Wanderung in dem beruehmten Nationalpark gefreut, doch dort ist Bett-hueten angesagt, Agnes und Thomas kommen nicht mit in den Park. Letztlich die richtige Entscheidung, denn im Torres fegen die Winde und so mancher Schauer zwingt uns wiederholt in volle Regenmontur. Auch wenn das Wetter ueberschaubar gut war, der Torres durch einen wahren Ansturm von Touristen fast schon zu Tode geliebt wird, die Preise im Park in schwindelerregende Hoehen steigen - mit 50 Euro hatten wir im Park den teuersten Campingplatz unserer gesamten Reise: Gelohnt hat sich die Trekking-Tour durch den Park dennoch. Azurblaue Gletscherseen, Berge, die fast von Meereshoehe auf 3.000 Meter emporsteigen, der betoerende Duft des patagonischen Fruehlings. Trotz widriger Verhaeltnisse sind wir vom Park fasziniert. Wir sehen, wie dutzende Kondore majestaetisch ihre Kreise hoch oben in den Bergen des Torres drehen, immer hoeher aufsteigen. Mit einer Spannweite von bis zu 3,5 Metern ist der Kondor unangefochten der Koenig der Anden. Doch aus der Naehe moechte man sich ihn dann doch lieber nicht ansehen, denn Kondore sind eher haessliche Tiere. Doch welcher Koenig ist schon huebsch anzusehen?

Agnes und Thomas sind wieder auf dem Weg nach Hause, wir verbringen nun noch ein paar Tage in Ushuaia, holen unsere Raeder ab und fliegen nach Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. “Steaks und Tango”. Das ist das Programm bis zum Rueckflug. Dann geht es nach Frankfurt. Die letzten Kilometer nach Hause in Niederfischbach wollen wir per Rad zuruecklegen. Die Jahreszeit scheint gegen uns zu sein, doch noch geben wir die Hoffnung auf 25 Grad und Sonnenschein nicht auf. Am Sonntag, den 4. November, werden wir dann gegen 14:30 zu Kaffee und Kuchen zu Hause einrollen. Also: Sehen wir uns?

Liebe Gruesse und bis bald

Andrea und Joerg

Ushuaia/ Feuerland. WIR HABEN ES GESCHAFFT

28. September 2007

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WIR HABEN ES GESCHAFFT. Wir sind in Ushuaia, dem Ende der Welt, angekommen. Wenn die Erde eine Scheibe ist, dann duerfte hier ganz in der Naehe der Abgrund sein. Wir gucken mal nach. Doch der Reihe nach.  

Punta Arenas verlassen wir an einem sonnigen Morgen. Die Faehre nach Feuerland, der groessten Insel Suedamerikas, faehrt nur einmal am Tag, zur unchristlichen Zeit frueh morgens. Macht nichts, denn so haben wir noch viel von dem schoenen, warmen Fruehlingstag. Wir lassen uns sogar dazu hinreissen, nochmal “in Kurz” zu fahren. Wie lange schon ist die kurze Radhose nicht mehr zum Einsatz gekommen. Jetzt, auf Feuerland, faehrt sie nochmal eine Ehrenrunde. Wir zelten auf einer Schafweide - nichts aussergewoehnliches, denn Feuerland besteht nur aus Schafsweiden -  und geniessen am Nachmittag bei Kaffee und Kuchen die Aussicht auf die schneebedeckten Berge entlang der Magellan-Strasse.

Doch schon am naechsten Morgen merken wir, dass wir ganz schoen weit suedlich unterwegs sind. Dichte und tiefe Wolken sind unsere Begleiter, kalte Luft pfeift durch die Reisverschluesse. Unterwegs Verkehrsstaus der besonderen Art: Schafe blockieren den Weg. Alle haben einen Termin beim Friseur am naechsten Tag, denn im September ist Hochsaison fuer Schaf-Scherer. Es dauert immer eine Weile, bis wir uns durch 3.000 oder mehr Schafe durchgeklingelt haben und so kommen wir langsamer vorwaerts, als gedacht. In einer kleinen Huette inmitten der windzerzausten Pampa Nordfeuerlands fragen wir bei ein paar Gauchos nach Wasser. Radfahrer zu dieser Jahreszeit sind hier sehr ungewoehnlich, wir werden sofort eingeladen. Am Abend brutzelt ueberm Holzofen - na was wohl - Schaffleisch und die Gauchos, quasi die Frieseurinnung Feuerlands - erzaehlen uns ein wenig von ihrer Arbeit.

Das Wetter verschlechtert sich zusehends. Ein paar Tage spaeter erleben wir einen der haertesten Radtage der gesamten Reise. 5 Grad, Dauerregen und super starker Gegenwind. Mehrmals sind wir kurz davor, die Raeder in den Graben zu werfen, haben keine Lust mehr. Und das so kurz vorm Ziel. Am Abend fragen wir in einem Hostel nach einer Uebernachtungsmoeglichkeit. Eigentlich ist alles ausgebucht, doch die Besitzerin findet irgendwo noch 2 Betten. Wir werden, triefnass wie wir sind, direkt vor den bollernden Holzofen gesetzt und man reicht uns heissen Kaffee, den wir gierig in uns reinschluerfen. Das Hostel ist voll von Arbeitern der hiesigen Oelindustrie, wir sind wohl die beiden einzigen, die nicht rauchen oder laut Musik hoeren. Doch so schlecht die Stimmung am Nachmittag war, so gut ist sie am Abend. Unser Hoehenmesser faellt und faellt, ein sicheres Zeichen, dass gutes Wetter im Anmarsch ist. Da macht es auch nichts, dass wir vor lauter Krach und Gestank die ganze Nacht kaum ein Auge zugemacht haben.

Und tatsaechlich. Keine Wolke truebt den Himmel am naechsten Tag. So koennen wir auch der Landschaft, die hier in der Mitte Feuerlands eher aus der Kategorie “Bock-langweilig” ist, was schoenes abgewinnen. Nur der Wind laesst nicht locker. Egal. Unsere Stimmung ist praechtig, vielleicht auch, weil wir immer naeher Richtung Tolhuin kommen. Dieser 5-Haeuser-Ort ist eigentlich nicht der Rede wert. Aber hier gibt es eine Baeckerei, von der wir schon vor einigen hundert Kilometern gehoert haben. Wie Heuschrecken fallen wir dort ein und erbeuten 6 Empanadas und 18 Suessstueckchen. Radlerhunger.

Die letzten beiden Tage zeigt sich Feuerland dann von seiner spektakulaeren Seite. Im Sueden der Insel erhebt sich die Darwin Kordilliere, ein Auslauefer der Anden mit bis zu 2.500 Meter hohen Bergen voller Gletscher. Einen letzten kleinen Pass gilt es zu bezwingen. Viel zu kurz, denn eigentlich wollen wir noch gar nicht ankommen. Wie oft haben wir schon von Ushuaia getraeumt, der Name klingt wie Musik in unseren Ohren. Wir sind zu Diavortraegen gepilgert, haben in Reisefuehrern geschmoekert, Bildbaende gewaelzt, sind mit den Finger die Amerika-Karte von oben nach unten entlanggefahren. Immer wieder sind wir in Gedanken zu diesem Ort gekommen. Ushuaia, das Ende der Welt. Wenige Kilometer vor Ushuaia kommt uns dann an einer Skistation ein anderer Radfahrer entgegen. Marijke aus Holland ist gerade gestartet und ueberlegt, ob sie bis 2009 nach Alaska fahren soll. Eine schoene Strecke hat sie da vor sich. Wir beneiden sie ein wenig.

Auch auf den letzten Kilometern schenkt uns der Wind nichts. Doch dann stoppt er auf einmal, dreht sogar und wir bekommen nochmal Rueckenwind. Und was fuer welchen. Die Strasse neigt sich nach unten, die Raeder fangen an zu rollen. Erst leicht, dann immer schneller. Die Landschaft fliegt an uns vorbei. Dann eine Kurve. Wir koennen es kaum fassen, das Ortseingangsschild von Ushuaia steht vor uns. Einfach so, als sei es nichts besonderes. Ein unglaubliches Gefuehl. Wir halten sofort an und machen Fotos. Es zieht uns weiter in die Stadt. Unten am Hafen steht DAS Schild. Schier unendlich oft schon haben wir das Schild auf Bildern von anderen Reisenden gesehen, die die Panamerikana per Rad, Motorrad oder Auto bereist haben. Wenn die Panamerikana eine Ziellinie hat, dann hier. Doch so schnell kommen wir nicht zu unserem Bild. Eine grosse Reisegruppe steht um “unser” Schild herum und macht Fotos von der Stadt. Wir erregen schnell ihre Aufmerksamkeit. Jemand fragt uns, wo wir herkommen, das laute Staunen macht weitere Leute auf uns aufmerksam, wir stehen schnell im Mittelpunkt. Als wir unsere Geschichte erzaehlen, kriegen wir sogar Applaus. Ziemlich lange. Dann will jeder mit uns auf ein Foto. Das dauert, denn die Gruppe umfasst bestimmt 50 Leute. Nachdem die noch immer Unglaeubigen weitergezogen sind, kommt die naechste Gruppe. Das gleiche Spiel. Schliesslich kriegen auch wir unser Foto, die Radreise ist zu Ende. Ein schoenes Gefuehl, aber auch ein trauriges, denn nun ist Schluss mit radeln. Wir haben unseren Traum gelebt, aber damit ist er eben auch futsch.

Auch wenn es nicht immer einfach war, wir oft geflucht und uns manchmal gefragt haben, was fuer einen Scheiss wir hier eigentlich machen - es war doch eine wunderschoene Zeit, als Nomade durch die Amerikas zu ziehen, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen (wenn er mal gerade nicht von vorne kam), den Sternenhimmel nachts zu bewundern, die Ruhe im Zelt zu geniessen, nach einem anstrengenden Radtag vor dem Zelt zu sitzen, einen Kaffee zu trinken und in die Landschaft zu gucken, die Freiheit unterwegs zu geniessen und zu tun und lassen, was wir wollten. Die Amerikas sind ein wunderschoenes Fleckchen Erde. Jetzt, am Ende der Radtour, erfuellt uns ein tiefes Gefuehl der Dankbarkeit. Es gab Traenen unterwegs. Traenen des Gluecks, aber auch Traenen der Verzweiflung. Doch schon jetzt, kurz nachdem wir das letzte Mal fuer diese Tour von unseren Raedern gestiegen sind, vermissen wir es: das Einrasten der Radschuhe in die Pedale, der Geruch des Zeltes und der Geschmack eines lecker gekochten Abendessens auf dem Benzinkocher. Nun, nach 22.064 Radkilometern, alles vorbei.

Doch nach Hause geht es noch nicht. Am Sonntag kommen Freunde aus Niederfischbach. Mit Agnes und Thomas wollen wir 4 Wochen durch Patagonien reisen, Nationalparks besuchen und viel wandern. Zum radeln konnten wir sie leider nicht bewegen. Unsere Raeder, treue Gefaehrten, stellen wir in Ushuaia unter. Anfang November geht es dann zurueck nach Deutschland. Wieder mit anderen Menschen fuer laengere Zeit unterwegs zu sein, wird auch ein kleines Abenteuer. Wir melden uns also wieder.

Liebe Gruesse

Andrea und Joerg

Schroffe Schoenheit chilenisch Patagoniens

16. September 2007

In Puerto Varaz geht unsere gute Wetterstatistik den Bach runter. Eine Woche Dauerregen. Wiesen und Aecker stehen unter Wasser. Der Regen ist so fein und stark, dass man in wenigen Minuten bis auf die Knochen nass ist. Trotzdem hat hier niemand einen Regenschirm. Eine Muetze tuts auch. Die Menschen hier im Seengebiet rund um Puerto Montt sind an Regen gewoehnt. Boese Zungen meinen sogar, sie wuerden einen Schreck kriegen, wenn sie mal die Sonne zu Gesicht bekommen. Nach einigen Tagen des Abwartens juckt es uns aber doch und wir satteln unsere Bikes. Die Insel Chiloe wollen wir noch besuchen. Trotz Plastiktueten in den Schuhen und ueber den Handschuhen: Nach 110 Kilometern ist alles durch-nass, man koennte fast meinen, dass Schwimmhaeute zwischen den Fingern wachsen. Nein, so macht Rad fahren keinen Spass. Wir lassen unsere Raeder in einem Hostel und erkunden die Insel ein wenig per Bus und Taxi. Die Mystik der Insel Chiloe koennen wir ein wenig erahnen, die harten Arbeitsbedingungen der Fischer miterleben und so einen Eindruck vom normalen Leben der Chiloten bekommen. Die Insel Chiloe hat zweifelsfrei auch bei Regen etwas. Wir sind aber trotzdem froh, als wir unser Schiff nach Patagonien betreten und so dem schlechten Wetter davonfahren.

Die Puerto Eden ist ein Transportschiff, das einmal die Woche von Puerto Montt im Norden Patagoniens nach Puerto Natales im Sueden Patagoniens faehrt. 4 Tage und Naechte dauert die Schiffsreise. Von Kreuzfahrtatmosphaere keine Spur, denn das Schiff ist in erster Linie ein Cargo-Schiff, das aber auch Passagiere mitnimmt. Entgegen unseren Befuerchtungen sind keine LKW-Ladungen Rinder an Bord. Geruchsmaessig haben wir also schoene Tage an Bord hinter uns. Und auch wetter-maessig. Die Fjorde Patagoniens koennen wir bei schoenstem Wetter an Deck mit dem rauen Charme des Cargoschiffes geniessen, fahren durch einen Fjord, in dem kleine Eisberge treiben, sehen Delphine und machen uns beim patagonischen Bingo zum Affen. Die meiste Zeit fuehrt die Route durch die patagonischen Kanaele, geschuetzt vom offenen Pazifik. Doch etwas mehr als 12 Stunden geht es dann doch uebers offene Meer. Unser Schiff schwankt im schweren Seegang, diskret kann man Uebelkeitstabletten bekommen. Auch wenns eine vergleichsweise ruhige Ueberfahrt ist, beim Abendessen ist es in der Kantine deutlich leerer und am morgen werden die Geschichten erzaehlt, wer wie lange den Klo aufsuchen musste. Andrea kann bei diesen Geschichten fleissig mitreden.

Jetzt in der Nebensaison sind nur wenige Fahrgaeste an Bord, es kommt schnell eine familiaere Atmosphaere auf. Die meisten Reisenden sind Langzeittraveller, reisen ein Jahr um die Welt oder 6 Monate durch Suedamerika. Am Ende der 4 Tage kommt dann unweigerlich der Abschied von den eben erst kennengelernten Menschen. Eine Sache, die uns auf der ganzen Reise immer schwer gefallen ist.

Direkt vom Schiff geht es wieder aufs Rad. Wir sind jetzt im Herzland Patagoniens. Politisch gehoert Patagonien Chile und Argentinien. Aber eigentlich gehoert Patagonien dem Wind. Im Sueden Patagoniens verlieren sich die letzten Auslaeufer der Anden in der fast baumlosen Pampa. Der Wind hat so ein leichtes Spiel. Uns aergert er nur wenig. Die Massen an Schafen, die wir entlang unseres Weges sehen, koennen da bestimmt andere Geschichten erzaehlen. Viele haben noch das Winterfell mit der schlechten 80iger Jahre Dauerwellenfrisur auf ihren Rippen, doch einige rennen auch schon ziemlich nackt umher. Schafscheerer haben jetzt hier in Patagonien Hochsaison. Ein sicheres Zeichen, dass der Fruehling vor der Tuer steht.

Praktisch ist die Post in Patagonien. Von einem Polizisten, der uns anhaellt, bekommen wir die Nachricht, das Evelyne, die schweizer Bergsteigerin, die mit ihrem Fahrrad in Suedamerika unterwegs ist und die wir schon in Mexiko und Guatemala getroffen haben, ebenfalls auf dem Weg nach Punta Arenas ist. Wir schreiben sofort einen kleinen Brief und geben ihm einen Autofahrer mit, der in die Richtung faehrt, wo Evelyne unterwegs sein muesste. Die Antwort kommt schnell zurueck und so entwickelt sich ruck-zuck ein reger Briefwechsel. Andrea verschickt so die Einladung zu ihrem Geburtstag. Hier in Punta Arenas treffen wir sie dann. Genuegend zu erzaehlen gibt es und so wird es ein langer Geburtagsabend.

Feuerland, die groesste Insel Suedamerikas und die letzte Rad-Etappe, liegt in Sichtweite von Punta Arenas. Man kann jetzt sagen, dass wir den groessten Teil der Strecke hinter uns haben. 500 Kilometer noch bis Ushuaia. Ein komisches Gefuehl. Ein sehr komisches Gefuehl.

Wir melden uns wieder vom Ende der Welt

Andrea und Joerg

Chiles kleiner Sueden - oder sind wir jetzt im Allgaeu?

4. September 2007

“I love you my friends” - noch einmal winkt und ruft er uns entgegen, dann ist er so schnell verschwunden, wie er gekommen ist. Ramon ist Chilene, Radfahrer wie wir. Wenige Minuten zuvor konnten wir es kaum glauben. Auf der Autobahn Richtung Valdivia kommt uns ein Biker mit Gepaeck entgegen. Ein seltener Anblick im Winter. Klar, wir halten an und sind ueberrascht, als uns Ramon direkt mit Namen anspricht. Ueber Google hat er unsere Homepage gefunden und ist ueber unsere Reise bestens informiert. Lange quatschen wir jedoch nicht mit ihm. An der Mittelleitplanke der Autobahn laesst es sich nicht gut ein Plaeuschchen halten. Gefreut hat uns jedoch die Begegnung trotzdem. Anders als die Begegnungen am Tag zuvor, als wir nur Kopfschuetteln ernteten. Die Wettervorhersage versprach einen schoenen Tag. Klar, wir fahren Rad. Doch schnell zog sich der Himmel zu, es fing an zu schuetten. Bei Schneeregen und 3 Grad kurbelten wir 75 Kilometer runter. An einer Autobahnraststaette, an einem heissen Kaffee waermend, ernteten wir nur Bedauern, Kopfschuetteln und Mitleid: Mit dem Fahrrad durch Chile im Winter. “Un poco loco” - ein wenig verrueckt seien wir. Solche “Mega-Gau-Tage” haben wir bisher nur wenige gehabt.

Auf der Autobahn Panamericana kommen wir gut vorwaerts Richtung Sueden. In angenehmen Entfernungen gibt es Raststaetten und Unterkunftsmoeglichkeiten. Manchmal fragen wir uns, warum es in Deutschland bei so gutem Autobahnnetz ueberhaupt Radwege gibt. Wo sich jedoch die Gelegenheit bietet, fahren wir von der Autobahn und erkunden das Seengebiet zu Fuessen der Anden. Wir kommen uns vor wie im Allgaeu, nur der Anblick der vielen, perfekt geformten Vulkane passt nicht zu Kuhweiden und Voralpenfeeling. Hier ist das Kerngebiet der deutschen Auswanderer, die Mitte des 18. Jahrhunderts hierhergekommen sind. Die Orte heissen z.B. Fruchtweiler, “Kaffee und Kuchen” gibt es ueberall und wird von uns gerne in Massen verdrueckt (siehe voerher (antes)/nachher (despues) Bild Nr.38 im aktuellen Ordner) und die Feuerwehr heisst hier noch “Feuerwehr”.

Die Vulkane jedoch begeistern uns besonders. Nachts sehen wir z.B. den Villarrica, einen 2.800 Meter hohen Vulkan, Lava spucken. Wir sind vor Begeisterung komplett aus dem Haeuschen, ansonsten scheint das hier aber niemanden zu interessieren. In den Orten um den Vulkan sind allerdings ueberall Hinweise fuer Evakuierungen zu finden, sollte es sich der Villarrica einmal anders ueberlegen und richtig ausbrechen. Gefaehrlich ist dabei nicht die Lava, sondern Wassermassen durch die in sekundenschnelle schmelzenden Gletscher des Riesen. Zuletzt riss er 1971 tausende Menschen ins Unglueck.

Im Villarrica brodelt die Lava, in Santiago die Volksseele. Schon seit Monaten gehen die Menschen dort auf die Strasse und demonstrieren. Der Grund: Seit Anfang des Jahres fahren die Busse in Santiago nach Fahrplan. Seitdem herrscht erst recht das Chaos. Doch sonst laeuft alles geordnet im Lande ab. Chile ist ein schoenes Land und wir sind froh ueber unsere Entscheidung vor 4 Wochen, durch Chile zu radeln. Ueberrascht sind wir jedoch von der Armut, die wir teilweise vorfinden. Es gibt hier alles zu kaufen, gute Haueser, leckeres Essen und eine gute Infrastruktur. Auf der anderen Seite jedoch leben noch viele Chilenen in einfachsten Verhaeltnissen und haben nur eine Blechhuette als Unterschlupf. Durch den Rohstoffboom ist Chile - reich an Rohstoff - wohlhabender geworden, so dass nach und nach die Regierung Sozialbauten in die Vororte der Staedte baut und so die Armut ein wenig zurueckgedraengt wird. Neben Rohstoffen gibt es noch etwas anderes reichlich in Chile: Fisch. Seit wenigen Jahren ist Chile der weltweit groesste Produzent von Lachs. Unterwegs besuchen wir eine Lachsfarm und staunen, in welchen Massen Lachs hier gezuechtet wird. Der groesste Teil geht nach Japan, doch auch Pelikane und Seeloewen bekommen ihren Anteil: Direkt neben dem Fischmarkt von Valdivia haben sie das gelobte Land gefunden und leben nicht schlecht von den Abfaellen der Fischer.

Aber auch wir bekommen unseren Anteil. So z.B. auch heute Abend: Lachs steht auf der Speisekarte. Die Kueche ruft also. Bis zum naechsten Mal…

Joerg und Andrea

Chile - langes Land am Pazifik

23. August 2007

Schnell sind wir die 80 Kilometer nach Santiago, der 6 Millionen Einwohner zaehlenden Hauptstadt Chiles, geradelt. Von dort fahren wir per Bus gute 500 Kilometer Richtung Norden und staunen nicht schlecht. Der Fruehling ist da. Tagestemperaturen ueber 20 Grad und ausschlagende Baeume. Wie schoen. Die Gegend um La Serena ist vom Klima verwoehnt. An 350 Tagen im Jahr scheint hier die Sonne. Niederschlag faellt so gut wie keiner. Ideale Bedingungen, um nachts den Sternenhimmel zu beobachten. Das haben sich wohl auch die Astronomen dieser Welt gedacht und in die Berge riesige Observatorien gebaut. Von einem wurde kuerzlich sogar der erste erdaehnliche Planet irgendwo im Nirgendwo entdeckt. Bis zu 3 Jahre muss ein Astronom warten, bis er fuer eine Nacht an die riesigen Teleskope darf. Die ganze Gegend ist vom Sternenfieber gepackt. Esoterik wabert durch die Luft, an der Panamericana gibt es sogar Landeplaetze fuer UFOs, die hier angeblich regelmaessig Station machen. Wir uebernachten in einer besonderen Unterkunft, einem Sternenhotel. Die zeltaehnlichen Raeume haben alles, incl. Dachluke zum oeffnen fuer das Teleskop. Ein Tuerschloss jedoch sucht man vergeblich. Aliens klauen nicht. Wie verrueckt manche Chilenen auf alles blinkende im Kosmos sind, merken wir, als wir nach einem langen Radtag von Jury und Namcea auf der Strasse angesprochen und eingeladen werden. Beide haben ihre Namen beruehmten Kosmonauten bzw. Astronauten zu verdanken: Jury (Gagarin) sowie Neil Armstrong, Michael Collins und Edwin Aldrin (einfach die Anfangsbuchstaben der Vor- und Nachnamen aneinanderhaengen: Na-Mc-Ea).

Abends besuchen wir ein fuer Touristen geoeffnetes Observatorium. Die Auffahrt erfolgt nur im Konvoi, um die Luftverschmutzung durch Staub der Autos auf der Schotterpiste moeglichst gering zu halten. In der Neumondnacht sehen wir Venus, Jupiter mit 4 Monden, neben der Milchstrasse 2 Galaxien und unzaehlige Satelitten. Nur Mork vom Ork suchen wir vergeblich. Wahrscheinlich war in der Nacht dort oben Flugverbot. Viele Gruesse von E.T. sollen wir trotzdem ausrichten.

Befluegelt von den ersten Fruehlingsboten entscheiden wir uns, durch Chile weiter Richtung Sueden zu fahren, doch so richtig geht die Rechnung noch nicht auf. Unsere gute Wetterstatistik scheint den Bach runterzugehen. Hatten wir in 10 Monaten auf dem Rad gerade mal einen Tag mit starkem Regen, richtet sich nun jeden Morgen der Blick besorgt gen Himmel und unsere Regenklamotten kommen schnell wieder zum Einsatz. Der Winter hier in Chile und Argentinien ist haerter als ueblich - die Regierung in Chile legt sogar Hilfsprogramme fuer Landwirte auf. Trotzdem bleiben wir vorerst in Chile. Es ist kuerzer nach Patagonien und landschaftlich reizvoller. Die ersten Tage haben wir auch Glueck. Bei schoenstem Sonnenschein verlassen wir Santiago de Chile auf der Autobahn. Unser erster Stopp ist der kleine Weinort Santa Cruz. Doch nicht Wein treibt uns dorthin, sondern ein ganz besonderes Musem, das Museum “Colchagua”. Dort gibt es neben lateinamerikanischer Geschichte auch jede Menge alter Autos und Zuege zu bewundern. Der Stifter des gesamten Museums, Carlos Cardeon, sammelt jedoch nicht nur Kunst und anderen Kram, sondern wohl auch internationale Haftbefehle. Er darf Chile nicht mehr verlassen und George Bush kann ihn auch nicht mehr leiden, seit er viele Waffen an den Irak verkauft hat. Das Museum ist also eigentlich politisch nicht korrekt, lohnt aber trotzdem den Besuch.

Chile ist ein sehr merkwuerdiges Land. Weit ueber 4.000 Kilometer lang und an der schmalsten Stelle nur 16 Kilometer breit. Dazu mehr als 2.000 Vulkane, von denen einige noch immer aktiv sind. Ganz oben, in Nordchile, ist seit Jahrzehnten kein Regen gefallen. Dagegen schuettet es im “kleinen Sueden” umso mehr: Hier faellt - schoen verteilt aufs ganze Jahr - bis zu 15mal so viel Regen wie z.B. in Frankfurt. Die einzige durchgehende Strasse von Nord nach Sued ist die Panamericana. Sie fuehrt als 4-spurig ausgebaute Autobahn Richtung Sueden. Langweilig wird uns allerdings nicht. Im Gegenteil. Unterwegs bekommen wir Gesellschaft. Ausnahmsweise scheint ein wilder Hund Raeder mal cool zu finden - und rennt kilometerweit mit. Wir verlieren unser Herz an das Vieh und ueberlegen schon, ob er sich mit Frau Schmidt, unserer Katze auf Langzeiturlaub, vertragen koennte. Doch ein langer Tunnel, den wir in einem Pick-up der Autobahnmeisterei durchqueren, beendet die Freundschaft so schnell, wie sie entstanden ist. Kurze Zeit spaeter brechen an Joergs Vorderrad einige Speichen wie Grisini in einem guten italienischen Restaurant. Eine Folge des Salzsee-Besuchs in Bolivien. Zwar hatten wir die Raeder sofort einer gruendlichen Waesche unterzogen, nachdem wir den Salar verlassen hatten, doch etwas Salzwasser ist wohl in die Felge gedrungen und nagt so an den Speichennibbeln. Zum Glueck haben wir auch fuer solche Faelle Ersatz dabei. Ein anderes Problem haben wir dagegen schnell im Griff. Nach 20.000 Kilometern haben sich die Bremskloetze unserer Hinterradbremsen in Luft aufgeloest. Eigentlich wollten wir bis Ushuaia nicht mehr bremsen - aber gesuender faehrt es sich mit funktionierenden Bremsen dann doch.

Die Pausentage richten wir nun nach der Wettervorhersage aus. Bei Sonne steigt das Quecksilber zwar sogar in 2-stellige Bereiche, aber bei Regen kommt es kaum ueber 8 Grad hinaus. Zeit, um ein paar Regentage auszusitzen, haben wir noch. Von Puerto Montt werden wir eine Faehre hinunter ins suedliche Patagonien nehmen und von dort die restlichen Kilometer nach Ushuaia radeln.

Hier im sogenannten “kleinen Sueden” Chiles sind die deutschen Einfluesse deutlich spuerbar. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es eine regelrechte Schwemme von Auswanderern, die ihre Kultur zum grossen Teil noch behalten haben. Aber auch in den letzten 20 Jahren haben viele Deutsche und Schweizer den Sprung auf die Suedhalbkugel nach Chile gewagt und bauen sich hier eine neue Existenz auf. Es gibt jede Menge deutsche Schulen und - wie schoen - Baeckereien wie “Omas Brot”. In Temuco uebernachten wir bei einer deutsch-chilenischen Familie, die wir schon auf den Galapagos-Inseln kennengelernt haben. Pan-Americana mit Familienanschluss….

Liebe Gruesse - Bilder gibt es wieder beim naechsten Mal

Andrea und Joerg

Der Nordwesten Argentiniens: Steaks und Wein, Kaelte und Pampa

10. August 2007

Die bolivianisch-argentinische Grenze ueberqueren wir in den fruehen Morgenstunden. Schon am Grenzbaum wird uns klargemacht, zu wem die Falklandinseln gehoeren. Ein riesiges Schild sagt selbstbewusst “Las Malvinas/Falklandinseln = Argentinien”. Die Englaender werdens nicht so gerne hoeren. Doch dann sehen wir ein weiteres Schild. Ein ganz normales Strassenschild. “Ushuaia 5.120 Kilometer”. Ushuaia, das Ziel unserer Reise, auf dass wir schon so lange hinfiebern. Nun steht der Ort hier auf einem ganz regulaeren Strassenschild. Gaensehautfeeling. Aber die 5.000 Kilometer wollen auch erstmal bewaeltigt werden.

Also steigen wir auf unsere Raeder und rollen langsam von der Hochebene des Altiplanos in tiefere Regionen. Unterwegs zelten wir entlang der Strasse, doch oftmals wird die Platzsuche schwieriger als gedacht, denn Zaeune versperren den Weg zu abseits der Strasse gelegenen Plaetzen. Wo zeltet man, wenn alles eingezaeunt ist? Klar, auf den Bahngleisen. Nachdem wir uns vergewissert haben, dass dort ganz bestimmt kein Zug mehr faehrt, schlagen wir unser Zelt auf einem kleinen Bahnuebergang, der einzig geraden Flaeche weit und breit, auf. Weiter unten in der argentinischen Pampa machen wir mit anderen Plagegeistern Bekanntschaft: Stacheln und Dornen. Durch die hohen Anden ist der Nordwesten Argentiniens sehr regenarm und im Sommer super heiss. Hunderte von Kilometern Wueste, Pampa, Nichts. An manchen Tagen fahren wir gerade mal eine oder zwei Kurven, so schnurgerade verlaufen einige Strassen durch die argentinische Pampa. Ausser stacheligen Bueschen und dornigen Baeumchen waechst hier nichts. Zum Glueck sind unsere Reifen dick und gut, so dass wir nur einige wenige Plattfuesse bekommen. Doch nachts bohren sich die Dornen durchs Zelt in unsere Thermarest-Matten. Jetzt schlaeft es sich die letzten Wochen haerter als geplant. Aber die Trockenheit hat auch ihr Gutes: Im Nordwesten Argentiniens braucht man sich uebers Wetter keine Gedanken zu machen. Sonnenscheingarantie. Manchmal bekommen wir sogar gratis eine Foenfrisur. “El Zonda” heisst der sturmaehnliche Wind, der ab und zu von den Anden herunterfegt, aehnlich dem Foen in den Alpen, nur in XXL. Ein Traum, wenn er von hinten kommt, ein Alptraum ansonsten. Meist bringt er starke Temperaturschwankungen mit sich. So kann es an einem Tag durchaus 25 Grad sein, am naechsten dafuer nur 5 Grad. Maximal. Nachts jedoch wird es jetzt mitten im Winter immer super kalt. Wir richten jeden Abend unser Zelt mit einem Kompass so aus, dass die Sonne moeglichst frueh auf unser Zelt scheint und wir bei angenehmen 8 Grad im Zelt fruehstuecken koennen. Unsere Wasserflaschen sind regelmaessig gefroren, morgens beim Zaehne putzen haben wir schonmal Eiszapfen im Mund. Die Kaelte treibt uns auch abends immer frueh in die Schlafsaecke. Eigentlich schade, denn den klaren Sternenhimmel koennten wir uns die ganze Nacht ansehen. So viele Sterne haben wir noch nie gesehen, die Milchstrasse ist klar und deutlich zu sehen.

Sterne verdienen jedoch auch die argentinischen Koeche. Zumindest die grillende Zunft. Parilla oder Asado heisst die argentinische Variante des Grillabends. Selbst kleinste Persoenchen vertilgen dabei Unmengen an Fleisch. Beilagen wie z.B. Salat gelten als uncool. Wir sind gerne uncool, geniessen wir es doch, nach langer, langer Zeit endlich wieder Salat ohne Reue essen zu koennen. In den anderen Laendern Lateinamerikas standen ungekochte Speisen aus hygienischen Gruenden nicht auf unserer Speisekarte. Metzgermeister sind hier in Argentinien wohl gemachte Leute, wobei man als Kuh eher schlechte Karten hat (siehe vorher/ nachher Fotos Nr. 5 und 6 im Nordargentinien-Bildordner). Zum Glueck koennen die Argentinier nicht so gut Fussball spielen, wie sie grillen koennen. Neben Steaks haben die Argentinier aber noch andere kulinarische Genuesse zu bieten, nicht zuletzt Wein. Der Wueste wurden vor allem rund um Mendoza grosse Weinanbaugebiete abgerungen. Klare Sache, in Mendoza machen wir eine Weinprobe.

Nach Peru und Bolivien kommt uns Argentinien wieder sehr westlich vor. Hier wird wieder Rasen gemaeht und es gibt Supermaerkte mit allem, was man sich wuenscht. Mit offenem Mund gehen wir durch die Regale, bewundern die grosse Auswahl an Kaese, Brot, Milchprodukten. Mussten wir in den Laendern zuvor oftmals viele kleine Geschaefte muehsam aufsuchen, um unsere Lebensmittel zusammen zu bekommen, genuegt hier ein Stopp in einem Supermarkt, wie er auch in Deutschland stehen koennte. Daran koennen wir uns gut gewoehnen, an die Oeffnungszeiten in Argentinien jedoch eher weniger. Von 13 bis 17 Uhr dauert hier die Siesta. Selbst die streunenden Hunde verkruemeln sich dann in irgendwelche Ecken. Alles wirkt wie ausgestorben, alles ist geschlossen.

In Mendoza halten wir uns unfreiwillig laenger auf, als geplant. Eine Kaltfront mit Schnee - selbst alte Einwohner muessen lange nachdenken, ob sie schonmal Schnee in Mendoza erlebt haben - haelt uns fest. Nun, es gibt schlimmere Orte, um eine Kaltfront auszusitzen, als Mendoza. Genuegend Cafes gibt es jedenfalls. Morgens beim Fruehstueck kommen wir uns jetzt jedoch eher fehl am Platze vor: Die meisten anderen Gaeste haben Skiklamotten an und freuen sich auf einen Tag im Pulverschnee. Wir wollen dagegen wieder auf unsere Raeder. Eines Morgens erfahren wir, dass der Pass nach Chile offen ist und wir mit einem Bus rueber koennen. Vorbei an kilometerlangen LKW-Schlangen ueber Eis quaelt sich unser Bus auf die 3.200 Meter Passhoehe. Links und rechts tuermt sich der Neuschnee 3 Meter hoch. Ein Blick auf den Aconcagua, den mit 6959 Metern hoechsten Berg der Amerikas, erhaschen wir trotzdem. Dann sind wir auch schon an der Grenze zu Chile, unserem 14. Land. Die Grenzformalitaeten dauern ewig. Jedes Gepaeckstueck wird akribisch untersucht. DDR-Zoellner wuerden respektvoll ihren Hut vor den chilenischen Kollegen ziehen. Besonders unsere Essenstasche erregt Aufmerksamkeit. Die Obst- und Gemuesevorraete haben wir schon vorher aufgefuttert und so kommen wir mit einem blauen Auge davon. Lediglich die leckere Salami, die wir in einem argentinischen Supermarkt ergattert hatten, darf nicht mit nach Chile. Der Zollbeamte betrachtet sie ausgiebig. Dann faellt sein Urteil: “Einfuhr verboten”. Jetzt wissen wir wenigstens, was der Herr Zollbeamte am naechsten Tag auf sein Pausenbrot legt. Ein Paeckchen Kekse einer anderen Mitreisenden wird dagegen direkt vor Ort vertilgt.
Direkt hinter dem Grenztunnel ein anderes Klima. Es ist deutlich waermer und geschneit hat es auch nicht. Willkommen in Chile. Trotzdem sind wir uns noch nicht sicher, ob wir in Argentinien oder in Chile weiter Richtung Sueden fahren. Wir machens vom Wetter abhaengig. Steak essen und Wein trinken kann man hier das ganze Jahr, doch zum Fahrrad fahren sind wir im Moment eher in der falschen Jahreszeit hier unten. Schaun wir mal.

Liebe Gruesse

Andrea und Joerg


Kuehlschrank Bolivien

3. Juli 2007

Von der peruanisch/ bolivianischen Grenze am Titicacasee erreichen wir in 2 Tagesetappen La Paz, die groesste Stadt Boliviens. Die Einfahrt in die Millionen-Metropole ist ein besonderes Erlebnis. Der Altiplano steigt leicht, aber stetig auf knapp 4.100 Meter an, von der Stadt La Paz ist weit und breit nichts zu sehen. Doch dann steht man am oberen Rand eines gigantischen Talkessels, unter sich die Stadt und am Horizont der ueber 6.000 Meter zaehlende Hausberg Illimani. Die 12-Kilometer-Abfahrt in die Stadt ist ein Fest, zudem wir Jubliaeum feiern: Genau 17.000 Kilometer stehen auf dem Tacho, als wir ins Zentrum einrollen.

Nach ein paar Tagen ausruhen, organisieren und Stadt-Besichtigung - unter anderem besuchen wir den Hexenmarkt, wo es Lamafoeten zu kaufen gibt - geht es dann weiter Richtung Sueden. Uyuni im Suedwesten ist unser naechstes grosses Ziel. Die ersten 300 Kilometer dorthin sind geteert und gut zu fahren. Nicht zu uebersehen ist jedoch die Armut in den Doerfern, die wir unterwegs passieren. An einem Nachmittag sieht es nach Regen aus, und das, obwohl wir Trockenzeit haben. Wir beschliessen, sicherheitshalber nach einer Unterkunft Ausschau zu halten und finden eine Einfachst-Unterkunft. Es sind keine Wanzen oder sonstigen Tiere in den abgehalfterten Betten - also alles O.K. Als wir bei der Frage nach einer Toilette jedoch wie selbstverstaendlich die Strasse gezeigt bekommen, beschliessen wir, doch weiterzusuchen. In einem anderen Ort werden wir ausgelacht, als wir nach einem Ort fuer unseren Muell suchen. “Einfach auf die Strasse werfen” heisst es ohne mit der Schulter zu zucken. Die Menschen hier oben auf dem Altiplano muessen in einfachsten Verhaeltnissen leben. Fliessendes Wasser gibt es nur stundenweise, eine sichere Stromversorgung bleibt ein Traum. Viele Orte kommen uns trostlos vor, es riecht nach Urin an den Hauswaenden. Trotzdem machen die Menschen einen zufriedenen Eindruck und sind freundlich.

Als wir von Oruro, einer groesseren Stadt auf halbem Wege, weiterfahren wollen, ist die ganze Stadt abgesperrt. Generalstreik. Nichts geht mehr. Die Marktfrauen freuen sich, denn so koennen sie fuer ihre Staende auch die Bahngleise nutzen. Doch sie haben ihre Rechnung ohne den lokalen Lokfuehrer gemacht. Als Streikbrecher bahnt er sich mit seinem Zug laut pfeifend den Weg durch die Strassen von Oruro. Wir kommen mit unseren Raedern gut um die Strassenblockaden herum und sind recht schnell auf der Hauptstrecke nach Uyuni.

Die schoen geteerte Strasse geht bald in die uebelste Piste ueber, die wir bisher gefahren sind. Trotz starkem Rueckenwind koennen wir teilweise nur 10 KM/H fahren. Wellblechpiste so weit das Auge reicht. Zudem ist die Strecke sehr versandet, wir muessen unsere Raeder oft durch tiefen Sand schieben und zerren. Einige Fluesse sind zu queren, d.h. Schuhe aus, Socken aus, Hose hochkrempeln und durch das eisige Wasser schieben. Auch die parallele Bahnstrecke ist keine wirkliche Alternative, denn auch hier ueberall tiefer Sand. Irgendwann hoert die Piste ganz auf, jeder sucht sich seine eigene Fahrspur auf dem topfebenen Altiplano. Der starke Rueckenwind entwickelt sich zu einem Sturm. Kurz bevor es dunkel wird, geben wir die Suche nach einem Schutz fuer unser Zelt auf und campen auf freier Flaeche. Die einzige Erhebung weit und breit ist ein Haufen Lamamist. Zum Glueck haben wir genuegend Vorraete dabei, u.a. auch immer 15-20 Liter Wasser. Die Gepaecktraeger aechtzen unter der Last. Auf unser Material koennen wir uns jedoch verlassen. Ebenso auf die Temperaturen nachts, denn die werden auf dem Altiplano jetzt im Winter eisig: 5,4,3,2 - kurz nach Sonnenuntergang koennen wir zusehen, wie das Thermometer in eisige Tiefen faellt. Nachts haben wir bis zu -15 Grad. Eine Tuete Milch, sonst ein sicherer Kandidat fuer den Kuehlschrank, findet ihren Platz dicht bei unseren Schlafsaecken. Morgens ist unser Zelt aussen und innen tief gefroren. “Alles an” ist die Devise.  Auf dem Salar de Uyuni liegen wir mit allen Klamotten incl. Regensachen in unseren Schlafsaecken. Der Salar de Uyuni ist mit 12.000 qkm der groesste Salzsee der Erde. Jetzt in der Trockenzeit ist das Salz fest, Autos, LKWs, Busse fahren auf ihm wie auf einer Strasse. Ein unbeschreibliches Gefuehl, als wir mit unseren Raedern auf den Salar rollen. Schnell sind wir mitten auf dem schier endlosen Weiss. Es knistert unter unseren Raedern. Der See ist von Hexagons ueberzogen, wir rollen einfach dahin. Das Wuerzen unseres Abendessens geht schnell: Einmal hinter sich greifen und schon ist die Suppe versalzen. 

Am naechsten Tag setzen wir zur Schlussetappe an und erreichen nach 240 Kilometern Piste endlich Uyuni. Schon seit einigen Tagen traeumen wir von der Pizzeria Minuteman, die wir schon von unserem letzten Besuch in Bolivien vor knapp 5 Jahren kennen. Der grossen Liebe wegen ist der Amerikaner Chris nach Uyuni gezogen und backt nun die beste Pizza Suedamerikas und andere Leckereien. Als wir Uyuni am Nachmittag erreichen, riecht es schon aussen nach Gebaeck. Es gibt Schokoladenkekse. Und was fuer welche. Frisch aus dem Backofen. Bolivien ist ein schoenes Land.

Von Uyuni fahren wir per Bus nach Sucre, um das dortige SOS Kinderdorf zu besuchen (siehe extra Bericht). Unterwegs halten wir in Potosi, die mit 4.100 Meter hoechste Grossstadt der Welt. Die Stadt verdankt ihre Bedeutung dem kegelfoermigen Hausberg Berg Cerro Rico. Im 16 Jahrhundert wurden dort grosse Mengen an Silber gefunden und seit dem wird der Berg ausgehoelt. Mittlerweile hat er mehr Loecher als ein Schweizer Kaese. Waehrend der Kolonialzeit war Potosi die groesste Stadt der Welt. Die spanischen Besatzer haben hier ganze Arbeit geleistet und den Berg und die Menschen systematisch ausgebeutet. Der Grossteil des spanischen Reichtums kam waehrend dieser Zeit aus dem Cerro Rico. Ueber 8 Millionen Indigenas verloren im Berg unter unmenschlichen Bedingungen ihr Leben. Auch heute noch aehneln die Arbeitsbedingungen eher denen im 18. Jahrhundert. Immer noch arbeiten ueber 8.000 Arbeiter in 220 Minen, darunter viele Kinder. Ab dem 11. Lebensjahr faengt die Karriere im Berg an, nach spaetestens 20 Jahren hoert sie mit Staublunge auf. Bis dahin muss genuegend Geld verdient werden, denn die Rente der Kooperativen ist sehr gering. Dank der gestiegenen Rohstoffpreise der letzten Jahre ist jedoch das Einkommen der Minereros gestiegen. Bis zu 80 Euro wird so pro 6-Tage-Woche verdient. Gegraben wird teilweise noch mit Hammer und Meissel. Unmengen Coca-Blaetter in den Backen der Arbeiter lindern den Schmerz und machen die Temperaturen von bis zu 35 Grad im Berg vergessen. Auch wir haben immer einen Beutel Coca-Blaetter dabei und kochen uns abends Coca-Tee gegen die Kaelte. Coca-Blaetter bekommt man an jeder Ecke in rauen Mengen. Waschbenzin fuer unseren Kocher dagegen nirgends. Da Waschbenzin fuer die Herstellung von Kokain benoetigt wird, ist der Verkauf untersagt.

Zurueck in Uyuni treffen wir wiedermal Thomas. Der Freiburger ist ebenfalls mit dem Rad unterwegs und faehrt von Vancouver nach Ushuaia. Bereits in Kalifornien und Guatemala haben wir ihn getroffen. Nun also in Uyuni. Natuerlich beim Minuteman. Viel zu erzaehlen gibt es auf jeden Fall und so wirds ein langer und kurzweilger Abend.

Nach gut 5 Wochen und gut 1.300 geradelten Kilometern in einer Hoehe von mehr als 3.500 Meter reicht uns die Hoehenluft. Wir freuen uns auf dicke Luft und auf Argentinien. Mit Argentinien und Chile erreichen wir damit die letzten beiden Laender unserer Reise. Trotzdem kann von Endspurt noch keine Rede sein. Bis zu unserem Ziel Ushuaia in Feuerland sind es noch gut 4.500 Kilometer, also in etwa die Strecke Deutschland - Kasachstan. Also setzen wir uns besser mal wieder auf unsere Raeder und machen Strecke.

Bis bald

Andrea und Joerg